Mit ihrem im Juni 2003 veröffentlichten Albumdebut "The Decline Of British Sea Power" schaffte die Band aus Brighton, East Sussex sich viele Freunde u.a. war die Band zum Tee bei Julian Casablancas (The Strokes), beobachtete mit Mr. Jarvis Cocker (Pulp) seltene Nachtvögel in den Wäldern Norfolks, Interpol und The Flaming Lips luden sie zu Europatouren ein. Schwerstens begeistert waren auch die Herren David Bowie, Lou Reed, Radiohead und REM, dazu hagelte es positive Rezensionen, Aufnahmen in den Jahresendpolls 2003 und zahlreiche Preise (z.B. den "Time Out Award" im Januar 2004 als "Live Band Of The Year"). Im November 2003 schließlich wurden British Sea Power auf ihren Konzerten supported von einer völlig unbekannten Band aus Las Vegas namens The Killers! Es läßt sich kaum bestreiten, dass eine sehr erfolgreiche Zeit hinter der Band liegt – der einzige Rückschlag war ebenso selbstverschuldet wie bizarr: Als Bassist Hamilton auf einem Baum Äste für die Bühnendekoration besorgen wollte, sägte er im Eifer des Gefechtes dummerweise genau den Ast ab, auf dem er Platz genommen hatte. Das Resultat war ein Sturz, eine ernste Verletzung am Handgelenk und eine Story, die durch die Musikpresse ging – einfach weil sie so dermaßen bescheuert ist. Jetzt aber, da das Gelenk längst verheilt ist und die Band ohnehin kaum noch Äste mit auf die Bühne nimmt, eröffnen British Sea Power die neue Saison und es sollte schon mit dem Teufel zugehen, wenn sich die 60 000 Menschen, welche das Debut alleine in England kauften (und ihm somit Silberstatus verschafften) mit "Open Season" nicht mindestens verdreifachen! Der wilde Soundstrom, welcher auf "The Decline..." noch komplett ungebremst fluten und den Hörer mitreißen konnte, ist diesmal perfekt gezügelt, in kleine Formen gegossen und damit konsumierbarer geworden – allerdings ohne, dass die Resultate glatter oder weniger intensiv ausfallen würden. Die Songs sind insgesamt weniger schroff oder dissonant, auch wirkt das Album homogener. Unter der ruhigeren Oberfläche passiert nach wie vor jede Menge, wie jedoch schon der Erstling, muss auch "Open Season" sorgfältig gehört werden – ähnlich wie Interpol sind British Sea Power nicht hier, um sofort zu gefallen oder schnelle, oberflächliche Befriedigung zu verschaffen. Wie bei Pflanzen braucht man etwas Geduld und die Songs wachsen in unermessliche Dimensionen, schlängeln sich durch Synapsen und Gehirnzellen bis sie schließlich komplett vom Rezipienten Besitz nehmen! Los geht es mit dem Track der bereits im März NME Single der Woche war, die unsterbliche Zeile "He found God in a parking lot and you did not!" enthält und die Parameter für die neue, offene Saison ausrichtet: "It Ended On An Oily Stage". British Sea Power haben regelrecht gelernt zu swingen, selbst das Gitarrenfeedback ist diszipliniert in den Gesamtsound eingebettet, Sänger Yans kehlige, manische Stimme klingt noch stärker nach Bowie oder Richard Butler (von den ewig unterbewerteten frühen Psychedelic Furs!). Im dritten Track ("How Will I Ever Find My Way Home?") übernimmt sein Bruder Hamilton kurz mal den Gesang, den Refrain verzieren sie überraschend mit einem frenetischen Interpol-riff, welches sich in diesem Umfeld überraschend gut macht und den eingangs so lockeren Song absolut nach vorne kickt. "Like A Honeycomb" beginnt als butterweiche, honigsüß wegdriftende Psychoballade mit unheimlichen Pfeifgeräuschen und mündet in einem Alarmbereitschaft auslösenden, mantrisch wiederholten Finale. Einen einzigen "klassischen" British Sea Power-Song gibt es auch; "Please Stand Up" folgt dem Schema von "Remember Me" oder "Carrion" – ein treibendes Gitarrenriff, eher von Bass/Schlagzeug getragene Strophen und ein fast schon hymnischer Refrain. "Northern Hanging Rock" klingt wie die gesammelten Impressionen des Waldspaziergangs mit Jarvis Cocker, vor einem Hintergrund aus Vogelzwitschern entwickelt sich eine sehr eigenartige, suggestive, leicht übernächtigt klingende Atmosphäre und prompt beginnt das nächste Stück mit der Zeile "Took A Pill Last Night Just To Get To Sleep". Wenn das Album dann mit dem achtminütigen "True Adventures" ausklingt, brechen die Dämme allerdings doch noch, gekonnt werden ruhige Passagen gegen sich bedrohlich aufbauende Gitarrenorkane ausgespielt, die den Hörerzurück in die Realität holen und mit Möwenschreien sanft zurück in den Alltag gleiten lassen. Fazit: Ein beeindruckendes Album, welches auch nach drei Wochen Hören nichts an Faszination einbüßte und unvermindert Tag und Nacht durch meine Lautsprecher fließt. Ein mehr als würdiger, absolut souveräner, ausgereifter Nachfolger zum ersten Album und schon jetzt ein todsicherer Anwärter für die Bestenlisten 2005 – da muss sich die Konkurrenz wirklich gewaltig ins Zeug legen! Aber British Sea Power sind ja ohnehin konkurrenzlos.