Gothic Metal mit weiblichem Gesang zum Fünftausendsten? Wie x-tausend andere Bands von Xandria über Nightwish bis Within Temptation, Flowing Tears und Epica haben After Forever leicht kitschigen, orchestral-bombastisch angehauchten Gothic Metal im Gepäck. Und dennoch, After Forever ist weit mehr als nur ein weiterer Erfolgsklon. Als erstes fällt schon einmal das Cover auf, das bei jeder anderen Stilrichtung als dämlich durchgehen würde, bei der von entsetzlich kitschigen Zeichnungen, Einhörnern und ähnlichem Schmonzes dominierten Gothic Metal-Szene aber eine wunderbar augenzwinkernde Anti-Wirkung hat. Die Band ist außerdem über einen für dieses Genre langen Zeitraum von sechs Jahren aktiv, zum anderen ist die Musik auf "Remagine" – dem vierten Album der Band - weitaus komplexer, sperriger und anspruchsvoller als die häufig einfach strukturierten Stücke der Konkurrenz. Zwischen Vollgas mit Chören wie zu besten Therion-Zeiten ("Come", das grandiose "Free Of Doubt", "No Control") und fantastischen Breaks pendelt die Musik immer auf dem Grat zwischen progressiv und gradlinig, und hierbei ist "progressiv" eindeutig als dickes Kompliment zu verstehen. Weitaus häufiger als bei anderen Bands des Genres wird das Gaspedal bis zum Anschlag durchgetreten, eine solche im Verhältnis intensive Aggressivität hat man jedenfalls von der Konkurrenz noch nicht erlebt. Auch versucht man sich in puncto Ausstattung und Produktion vom Rest abzuheben, es gibt jeden Menge Synthesizer und genug geniale Gitarrenläufe für zwei Alben. Außerdem hat Floor Jansen eine Stimme, die in ihren lauten Passagen Tarja Turunen in wirklich nichts nachsteht, in den leisen Stellen aber über eine faszinierende Tiefe und Fülle verfügt. Das Songwriting insgesamt scheint sich eher um die Verbindbarkeit des Komplexen mit dem Einfachen zu drehen als blind auf Chartseinstieg zu rechnen. Umso mehr wäre derselbe der Band zu gönnen ... Es gibt auch genügend Stücke, die mit wunderschön griffigen Melodien und Refrains überzeugen können ("Boundaries Are Open", "Being Everyone") und somit auch fernsehtauglich sind. Auch, weil die Band noch konsequent finstere Growls einsetzt ("Living Shields", "Only Everything"), und das (Halb-)Balladeske auch eher komplex als primitiv ist ("Only Everything" – kaum eine andere Band würde sich trauen, kitschigen Pathos durch kalte Keyboardeffekte so zu zerstören wie hier geschehen) muß man die Eigenständigkeit von After Forever herausheben. Mal abgesehen von "Strong", einer Ballade, die mit Abstand den Tiefpunkt des Albums darstellt, gibt es elf Songs, die alle auf gleichbleibend hohem Niveau gehalten werden. Sensationell gut produziert, wunderbare Melodien, tolles Songwriting, eine grandiose Stimme – was will man mehr?