Opulent aufgemachte Box mit fünf CDs, welche die ersten dreißig Jahre von Barclay James Harvest minutiös aufarbeitet, neben allen wichtigen Singles und Schlüsseltracks der Alben gibt es massig Raritäten, so entdeckte man in den Archiven elf bisher unveröffentlichte Tracks, einen Song, der hier erstmals auf CD ist und drei, welche bisher außerhalb der BRD nicht greifbar waren. Letzteres ein wichtiger Punkt bei Barclay James Harvest, die in Deutschland stets mehr Erfolg hatten als in ihrer britischen Heimat! Abgerundet wird das Ganze durch ein unglaubliches Booklet, in welchem die Bandgeschichte detailliert beleuchtet wird und zwar nicht anhand von irgendwelchen Analytikern, sondern von den Mitgliedern selbst, welche jede Phase und jedes Album ausführlichst kommentieren. Dazu gibt es die kompletten Tourpläne von 1967 bis 1997 und ein exakte Diskographie der Alben und Singles inklusive Bestellnummern der Erstpressung und Chartpositionen. Wenn man diese Box in der Hand hat, wünscht man sich, dass jede Band eine so sorgfältige und liebevolle Aufarbeitung erfahren möge! Soweit zur Aufmachung, das "Problem" bei diesem Package liegt leider woanders, nämlich bei der Musik, wenn man – so wie ich – in den frühen Achtzigern mit Punk und New Wave sozialisiert wurde, kam man nicht umhin ein ablehnendes bis zynisches Verhältnis zu BJH zu entwickeln und an diesem Verhältnis kann diese Box dann leider auch nur marginal etwas ändern – aber immerhin: "Gewinner" ist eindeutig das Booklet, die hier enthaltenen Informationen sind so unterhaltsam und detailliert, dass es wirklich Spass macht. Was aber ist nun mit der Musik? Ist sie wirklich so schlimm? Nein, nur ein bißchen, denn BJH fingen als Soft-Prog-Band mit Hang zu Tolkien und massivem Mellotroneinsatz an und wechselten spätestens 1977 (im Jahre des Punk) mit dem Millionenseller "Gone To Earth" zu schön radiogerechtem Softrock mit romantisch-sozialkrititschen Texten. Ihre Musik blieb dabei stets gefällig, gut konsumierbar, kein Vergleich zu Robert Fripp, der sein Publikum mit ständig neuen Reinkarnationen von King Crimson aural herausforderte und in neue Dimensionen führte. Und was radiotauglichem Softrock angeht, so haben "Rumours" von Fleetwood Mac oder das Gesamtwerk von ABBA eindeutig mehr zu bieten. Aber eine Box wie diese richtet sich an Fans und die werden bestens bedient und können ihre abgenudelten Vinyl-Exemplare von "Berlin" endgültig einmotten. Hier gibt es alles auf einmal und in besserem Klang, als jemals zuvor. Nicht auszudenken, welche lange verlorenen Erinnerungen man mit diesen sechs Stunden Musik über Weihnachten bei Kerzenschein heraufbeschwören könnte, etwa damals im Zeltlager 1979, als Judith ... aber lassen wir das! Die Wertung setzt sich als aus zwei Komponenten zusammen: Aufmachung und Booklet eine klare 1+, die Musik leider nur eine 5+ Aber wie sagte Gitarrist John Lees: "Mein Lieblingslied habe ich noch nicht geschrieben!"