Wir müssen uns wohl daran gewöhnen, dass eine gewisse Form von "Teenager-Musik" mittlerweile nur noch von Menschen über 50 hergestellt wird, andererseits gibt es Schlimmeres, junge Bands die mit Gewalt alt und clever klingen wollen beispielsweise. Außerdem wäre die Geschichte der Popmusik, wie wir sie kennen, um einiges ärmer ohne die Beiträge, welche die Herren Devoto, Shelley und Diggle mal zusammen, mal getrennt abgeliefert haben: Die Buzzcocks waren die erste in einer langen Linie einflussreicher Bands aus Manchester, sie waren Ende 1976 die Ersten, die keine Lust auf die Industrie hatten und kurzerhand ihre Debut-EP selbst pressten und vertrieben, da Howard Devoto es dann allerdings für eine gute Idee hielt, noch vor dem Debut-Album auszusteigen, waren sie leider auch die ersten, die keinen Sänger mehr hatten. Das erledigten dann Pete Shelley und Steve Diggle - letzterer übrigens einer der wenigen Musiker, der sich gar nicht erst eines der damals so beliebten Pseudonyme zulegen musste, sein Familienname war einfach schon bescheuert genug, um als "credible" durchzugehen. Im Unterschied zu vielen Zeitgenossen sangen die Buzzcocks – übrigens noch vor den Undertones - nicht über Politik, sondern über Themen wie Masturbation, schnelle Autos ("I hate fast cars!") oder Frustration. Bei der politischen Hälfte der Szene waren sie dafür zwar weniger gut gelitten, allerdings führte dies auch dazu, dass kommende Generationen die Mancunier immer wieder neu entdecken konnten: Um Texte wie "Orgasm Addict", "What Do I Get?" oder das unglaubliche "Ever Fallen In Love With Someone You Shouldn't Have" zu verstehen, musste man sich nämlich nicht erst mit den politischen Zuständen im Großbritannien der Ära Thatcher auseinandersetzen, diese Themen sind ziemlich universal und so war es denn auch kein Zufall, dass viele Grungebands (allen voran Kurt Cobain) die Buzzcocks als wichtigen Einfluss nannten, nicht etwa The Clash). Im Februar 1981 waren sie wiederum ziemlich schnell, als sie sich nach drei Alben und etlichen Singles "endültig" trennten und uns mit diesem Schritt zumindest eine peinliche Mitt-Achtziger New Romatic-Reinkarnation (siehe etwa The Stranglers oder The Damned) ersparten, gleichzeitig aber auch den legendären Status der Band ins Mystische steigerten. Und 1990 reformierten sie sich dann doch noch, seither haben sie schlappe vier Studio-Alben eingespielt deren einzige Konstante die Sänger und Gitarristen Pete Shelley und Steve Diggle darstellen woran sich auch bei diesem, dem fünften Werk seit der Reunion (und dem achten insgesamt!) nichts ändert. Ur-Sänger Howard Devoto, der noch bei der letzten LP ("Buzzcocks" 2004) überraschenderweise - und tatsächlich zum ersten Mal seit 1977 - mit am Start war, fehlt leider wieder, aber darüber hinaus schlägt die Truppe sich gar nicht mal schlecht. Sie gehen dabei nie soweit wie die Kollegen von Wire, deren 2003er Comeback "Send" bemerkenswert kalt und schroff klingt, begeben sich aber auch nicht in die Alt-Punk-Niederungen in denen The Damned seit Ewigkeiten rumdümpeln. Buzzcocks 2006 klingen wie eh und je: Schnell, aber nie rasend, energetisch aber nie aggressiv und immer mit dieser gewissen hymnischen Euphorie ausgestattet, mit der selbst "ernste" Anliegen noch irgendwie lustig verhandelt werden. Auch die Keyboards, welche Shelly dem Bild spätestens seit "A Different Kind Of Tension" (1979) zufügte sind wieder dabei. Den Stellenwert des Debuts "Another Music In A Different Kitchen" erreichen sie dabei logischerweise nicht, aber welche Band schafft das nach knapp dreißig Jahren schon? "Flat Pack Philosophy" macht trotzdem eine Menge Spaß und läßt keinen Zweifel: Das hier, das sind die Buzzcocks, keine andere Band klingt so!