Botanicas sind kleine okkulte Shops in den USA, wo Druiden, Voodoofreunde und solche, die es werden wollen, allerlei esoterisches Zubehör für den alltäglichen Hexenbedarf finden können. Botanica heißt auch die Band um den New Yorker Paul Wallfisch, um deren neues Album es hier geht. Es nennt sich "Berlin Hi-Fi", und tatsächlich beinhalten die Songs einen gewissen melancholisch-mystischen Zauber, unaufdringlich, doch umso nachhaltiger. Der Stil lässt sich sehr gut mit dem von 16 Horsepower vergleichen, mit denen Botanica vor einigen Jahren auch auf Deutschlandtour gingen. Folkiger, manchmal knarzig-schräger Alternative-Rock mit einer meist sehr präsenten Stimme von Paul Wallfisch, die besonders im Song "A Freestyle Kiss To Hedy Lamarr" schön zur Geltung kommt. Aber auch die anderen Lieder des Albums enthüllen nach und nach ihre charakteristischen Besonderheiten, ganz auffällig der ungewohnte kastagnettenbegleitete 7/8-Takt des Openers "Eleganza & Wines", der im Verlauf des Liedes wieder in eingängigere Rhythmen mündet. Oder der titelgebende Song "Berlin Hi-Fi", der immerhin dreisprachig daherkommt und kleine feine Wahrheiten unters Volk bringt ("Todo para todos/ Wir wollen alles .../Kai ist schwul/ Love is enough"), und bevor sich irgendwer provoziert fühlen könnte, löst sich die Strophe ganz harmonisch in Wohlgefallen auf. Sehr anregend dann der Datscha-Ska in "How", da sind die schwierigen 7/8-Takte prompt vergessen, und das Tanzbein hüpft von ganz allein. Immer wieder heulen punktierte Gitarrenakkorde auf - sie passen sich den bedrohlich-dramatischen Klängen von "Concrete Shoes" ebenso an wie den jazzigen Swing-Rhythmen in "Someone Else Again", und die ersten Takte von "I'm Lifting" könnten fast von U2 stammen. Und wenn am Ende der CD das Thema von "Eleganza & Wines" in Unplugged-Manier wieder aufgenommen wird, vertraut und doch irgendwie ganz anders, dann schließt sich der Kreis dieses kraftvollen Albums, und wie von Voodoo-Geisterhand drückt der Daumen noch mal die PLAY-Taste ... "Recorded in Kreuzberg & Brooklyn", sagt die CD-Info - so verbinden Botanica geschickt die vertrauten kleinen Welten ihrer Lieblingsheimatstädte mit der Weite des Himmels und der Wüste, von denen schwelgend ihre Melodien erzählen, während es in den Texten eher um persönliche Emotionen, Gedanken und Erlebnisschnipsel geht. Wer sich übrigens fragt, wer wohl die Dame auf dem Albumcover sein mag - das ist besagte bzw. besungene Hedy Lamarr, die vor allem durch jene Hauptrolle berühmt wurde, die sie gar nicht gespielt hat - sie lehnte nämlich die Darstellung der Ilsa in Casablanca ab. Schon die Vorgängeralben "vs The Truthfish" und "With All Seven Fingers" haben überzeugt. Das aktuelle Werk "Berlin Hi-Fi" wurde von Moses Schneider produziert, mit dem auch schon Tocotronic und Seeed zusammengearbeitet haben, und stellt einen weiteren beachtlichen Höhepunkt in der Diskographie von Botanica dar.