So richtig vorstellen kann man sich nicht, wie jemand für ein Album alle Instrumente nacheinander selbst einspielen kann und homogene, harmonische Songs dabei herauskommen. Aber es geht offenbar, sonst hätte das Gespann aus Ben Kweller und Produzent Gil Norton es sicher nicht versucht. Herausgekommen ist nach "Sha Sha" und "On My Way" das dritte Album für Dave Matthews' Label ATO. Die Selbstbetitelung des Albums "Ben Kweller" spiegelt die Tatsache wieder, dass jeder Track zu 100% den sympathischen Texaner repräsentiert. Neben dem Umstand, dass er alle Instrumente eingespielt hat, fällt bereits beim Opener "Run" der extrem persönliche und biographische Charakter der Lyrics auf. Bereits im zarten Alter von 15 Jahren hatte Ben Schule und Elternhaus verlassen, um in die weite Welt hinaus zu ziehen und für den Rock'n'Roll zu leben. "Since 15, I have run, everywhere you can run". Es ist gleichzeitig eine Liebeserklärung an seine langjährige Freundin und nun Ehefrau Liz. "Together is much better/so let's run, let's run, let's run/[...]/I'm not done with my travelling/so let's run, let's run, let's run". Ein ähnliches Motiv verfolgt "Thirteen", ein Song der zwar ein Zahlenrätsel darstellt (warum 13? Seit 10 Jahren ist er im Musikgeschäft, seit 8 Jahren mit Liz zusammen), ansonsten aber nur wenige Fragen bezüglich Bens Liebe offen läßt. Nach eigener Aussage sei diese Piano-Ballade sein bisher bester Song und bedeute einen großen Fortschritt für ihn als Songwriter. "Ich habe versucht einen Chorus dafür zu schreiben, aber es fühlte sich irgendwie billig an. Ich habe dann realisiert, dass der Song keinen Refrain braucht." Und er hatte recht damit. Der Song ist perfekt so wie er ist, auch ohne die traditionelle Songstruktur zu bedienen. Insgesamt ging es bei dem Album darum, mehr Pop zu wagen, ohne die charakteristische Schrulligkeit komplett aufzugeben. Die Songs sollten größer, aufwändiger und klarer klingen, ohne dem New Yorker Anti-Folk komplett den Rücken zu kehren. Trotz der komplexeren Produktion müssen Fans der alten Alben also nicht auf den typischen Ben Kweller-Sound verzichten. "I Gotta Move" etwa hat den Weezer-Beach Boys-Groove, der "Sha Sha" beliebt gemacht hatte, "I Don't Know Why" oder "Red Eye" kommen wiederum im Country-Folk-Style von "On My Way" daher und zum Abschluss wird mit "This Is War" sogar noch in bester Radish-Mannier gerockt. Auch in dieser Hinsicht ist das Album in gewisser Weise autobiographisch. Über allen Songs liegt die phantastische Fähigkeit Ben Kwellers, eingängige und mitreissende Meldodien mit - im positiven Sinne - relativ simplen Texten zu schaffen, die man beim zweiten Hören bereits mitsingen kann und muss. Und natürlich schwebt über allem der Geist der großen Heroen wie Bob Dylan oder der Beatles. Was die anfängliche Skepsis gegenüber der Aufnahmeweise angeht, konnten die Zweifel schnell ausgeräumt werden. Nur an wenigen Stellen wie bei "Magic" (unpassender Gitarre) oder "Sundress" (schrille Piano Fill-Ins) hat man das Gefühl, die Instrumente hätten keine Bindung zueinander entwickelt und spielten etwas aufgesetzt nebenher. "Ben Kweller" ist ein beeindruckendes und warmes Werk geworden. Mal flott und poppig, mal ein bißchen langsamer. Und fast wie nebenbei hat der Wahl-New Yorker ein paar der schönsten Liebeslieder der letzten Jahre geschaffen. Von ganzem Herzen wünscht man den beiden, dass ihre Verliebtheit dem Zahn der Zeit standhalten möge. Nicht zuletzt, damit Ben Kweller weiterhin solche Songperlen schreibt.