Das zweite Album der Kaiser Chiefs ist ein Paradebeispiel dafür, wie wenig man sich bei Musik auf den ersten Höreindruck verlassen kann bzw. sollte: Bei der ersten Begegnung im Konzert bzw. einer jener beliebten Listening Sessions von Universal war das Urteil bei W-S eindeutig: Farblos, konstruiert weiterentwickelt und völlig langweilig klang das. Eigentlich kein Wunder, denn von der UK-Generation 2004 waren die Kaiser Chiefs diejenigen, die mit "Employment" nicht nur das euphorischste Debutalbum, sondern auf ihren Singles auch den höchsten Randale-auf-dem-Dancefloor-Faktor am Start hatten und dafür in einigen Ecken prompt als Prolls abgestempelt wurden. Dass nun ausgerechnet so eine Band subtilere Töne anschlägt, muss man eben auch erst mal verdauen und so nähert man sich "Yours Truly, Angry Mob" am besten mit etwas Zeit, Geduld und der Hardware im "Repeat"-Modus. Dann gibt es tatsächlich einiges zu entdecken, aber eben kein zweites "Oh My God", "Every Day I Love You Less & Less" oder "I Predict A Riot". Die Single "Ruby" verdeutlicht den neuen Approach der Kaiser Chiefs schon ganz gut, ein wenig platt, ein Tickchen zu gefällig aber schon in Ordnung. Ab sofort wird eben nicht mehr in Clubs mit Bier gespritzt, sondern in den Stadien in denen auch Oasis spielen das Feuerzeug geschwenkt. Manchmal gelingen ihnen dabei Juwelen in denen urplötzlich kleine Brückenteile auftauchen, die an das wunderbare "Black Sea"-Album von XTC erinnern, so etwa im Titeltrack mit seinem geschickten dramaturgischen Aufbau oder in "Retirement". "Love's Not A Competiton (But I'm Winning)" leuchtet von innen, "Everything Is Average Nowadays" bringt fast die alte Magie zurück, adressiert im Titel aber ganz gut das Problem der "neuen" Kaiser Chiefs. In der zweiten Hälfte wird dann leider der Atem etwas kurz und es folgen immer wieder Stücke wie "Thank You Very Much" und "My Kind Of Guy", die nett aber eben nicht zwingend sind. Kurz vor Schluss wird es dann ein wenig verwirrend: Anstatt des auf dem Cover und im Booklet genannten "Learnt My Lesson Well" – noch so ein Durchschnittsstück – ertönt als 10.Track nämlich zunächst das kurze, eigentlich als Bonus für Japan und die UK-Vinyl-Version vorgesehene "Boxing Champ", eine wunderschöne reine Klavier- und Gesangnummer, die man so nicht erwartet hätte, bevor es dann - immer noch unter "Track 10" - planmäßig weitergeht. Ob das nun ein Versehen ist, welches nur einen Teil der Auflage betrifft und später korrigiert wird, konnten wir auf die Schnelle leider nicht rausfinden! Einen zusätzlichen Kaufanreiz stellt es aber allemal dar! Was bleibt unter'm Strich? Die Kaiser Chiefs werden erwachsen und die Resultate können sich durchaus hören lassen, auch wenn ihnen dabei leider kein zweites "Employment" gelungen ist und "Yours Truly, Angry Mob" insgesamt selbstverständlich auch hinter den aufregenden Debuts von The Long Blondes, The Rifles und vor allem Little Man Tate zurückbleibt. Das nächste Album sollte dann die Spreu vom Weizen trennen und klarmachen, ob da jemand schon sein Pulver verschossen hat oder nur seinen Fokus sucht - bis dahin gilt allerdings:"Ruby, Ruby, Ruby, Ruby, Do you, do you, do you, do you?"