Balzac Also! Dass der Japaner im Allgemeinen - zumindest nach durchschnittlichen mitteleuropäischen Maßstäben – gewaltig einen an der Waffel hat, wird einfach immer wieder deutlich. Wie sonst sollte man sich zum Beispiel erklären, dass jährlich 1,3 Millionen Menschen Neuschwanstein besichtigen? Wie sonst sollte man sich erklären, dass auf dem Oktoberfest – gefühlt - jeder Dritte aus dem "Land der aufgehenden Sonne" kommt, obwohl mindestens 60% davon die Enzyme fehlen, um Alkohol vernünftig abbauen zu können? Wie sonst ließe es sich erklären, dass japanische Rettungssanitäter vor der Wohnung erst die Schuhe ausziehen, bevor sie zur Wiederbelebung ansetzen? Und wie sonst ließe es sich erklären, dass die 1992 im japanischen Osaka gegründete Band Balzac in ihrer Heimat mittlerweile offensichtlich eine der bekanntesten und beliebtesten Punkbands überhaupt ist? Zugegeben: Schlecht ist es nicht, was Balzac auf ihrem mittlerweile dritten in Europa veröffentlichten Album "Deep Blue – Chaos From Dark-Ism II" abliefern. 16 Tracks, zuzüglich 4 Bonustracks nur für den europäischen Markt, mit insgesamt 1:17:21 Stunden Spieldauer voller netter - oder besser - böser Horrorpunksongs. Für den geneigten Hörer extra imageankurbelnd auf LoFi produziert, solide gespielt und mit ganz viel mysteriösem Hall versehen. 20 Songs voller catchy Ooo´s und Aaa´s angetrieben von typischem Schlagzeuggalopp treffen auf superharmonische Gitarren und eine gehörige Portion Popappeal. Sänger Hirosuke erinnert stark an Joey Ramone und der Sound der Band stark an die Misfits. Allerdings auch nicht mehr. Die 20 Songs plätschern ohne Highlights dahin und bieten nichts, was wir von Balzac nicht bereits per Luftpost auf den beiden Platten "Out of the Light Of the 13 Dark Night" und "Came Out Of the Grave" angeboten bekommen hätten. Was man sich aber angesichts einer solchen Veröffentlichung echt mal fragen sollte ist: "Braucht das irgendwer?" Das Konzept aus Album, Artwork, Fotos und Drumherum sieht eher nach professioneller, betriebswirtschaftlicher Imagekampagne aus, als nach Punkrock irgendeiner Form. Die Band verkauft nicht nur ihre CDs und eine inflationäre Vielfalt an T-Shirts zur Fanuniformierung, sondern dazu noch ihr Bandmaskottchen "Skull Bat - das aussieht als wäre Dracula einmal zu oft gegen den Baum geflogen – als hippe Plastikfigur. Der letzte Schrei in der Richtung ist aber offensichtlich die "Ogon Skullman Figure", die übrigens bereits für nur $90 zu erwerben ist. Außerdem gibt’s noch eine Plüschpuppe, die aussieht wie "Bernd das Brot" als Lederfetischist und ein T-Shirt für Hunde! Nicht dass es jetzt sonderlich verwerflich wäre, als Band Merchandiseartikel zu verkaufen. Man sollte sich nur in diesem speziellen Fall überlegen ob Balzac noch eine Band sind, die auch Klamotten verkauft, oder mittlerweile eine Kleidungsfirma, die auch (noch) Musik anbietet. Auf jeden Fall bekommt durch diese extreme Kommerzialisierung das eh schon stark nischenbelastete "Deep Blue …" einen noch merkantileren Ansatz, und Ich den Eindruck, dass so etwas schon besser nach Japan passt als hierher. Wer sich aber als Hardcore-Gruftpunkfan die Platte trotzdem zulegen will, dem sei noch gesagt, dass er auch unbedingt die Japanversion mit anderem Coverdesign, sowie die 7´´Inches Vinylversion braucht. Außerdem kommt die Band im Frühjahr 2007 auch nach Deutschland. (Rezension geschrieben von Manhattan Clearface)