Omaha, Nebraska, somewhere in Middle-America, ist nicht nur bekannt durch einen Counting Crows-Song und eine Pokervariante ("Omaha Hold'em"), sondern spätestens seit den beiden 2005er Alben "I'm Wide Awake It's Morning" und "Digital Ash In A Digital Urn" auch durch die Ein-Mann-Band Bright Eyes. Dahinter verbirgt sich der Workaholic Conor Oberst, der nun allerdings mit dem neuen Album "Cassadaga" seine konstantesten Mitstreiter Mike Mogis (Gitarre, Bass, Dobro, Perkussion, Background Vocals, Recording, Engineering, etc.) und Nate Walcott (Piano, Orgel) in den Stand von festen Bandmitgliedern erhoben zu haben scheint. Bevor man überhaupt einen Ton des Albums gehört hat, fallen direkt zwei Dinge auf. Die erste Auffälligkeit ist die Widmung: Sabrina ist eine verstorbene junge Frau, die auf Konzerten der Bright Eyes Harfe gespielt hatte. Die Zweite ist die seltsam krisselige Vorderseite des Booklets und die Rückseite der CD (zu deren genauen Betrachtung man den Plastikeinleger der CD-Hülle mit einem spitzen Gegenstand heraustrennen muss). Des Rätsels Lösung kommt in Form einer kleinen Plastikkarte mit dem mysteriösen Namen "Spectral Decoder". Ähnlich, wie man einst den Täter bei den Kinderkrimi-Episoden von Kommissar Kugelblitz durch auflegen einer roten Folie ermitteln konnte, lässt sich mit Hilfe des "Spectral Decoders" Bebilderung und Text des Covers "entschlüsseln". Ein nettes kleines Suchspiel. Allerdings wirken die abstrakten Texte (die auf Englisch, Russisch und Französisch verfasst sind) ein bisschen seltsam. Genauere Recherche ergibt den Grund hierfür: Conor Oberst hatte im Vorfeld des Albums ein bisschen Zeit in einem spirituellen Zentrum in Florida namens "Cassadega" (in der Sprache der Seneca Indianer: "Felsen neben dem Wasser") verbracht und hatte sich dort seine Zukunft voraussagen lassen. Nee, is klar. Zugegebenermaßen muss man sich also ein wenig zusammen nehmen, um das neue, nach erwähntem Zentrum benannte Album nicht als spinnert abzutun. Dummerweise gelingen Oberst darauf immer wieder ironische und lyrische Volltreffer wie die Zeilen "I had a lengthy discussion about The Power Of Myth, With a post-modern author who didn't exist" ("Soulsinger In A Session Band"). Und dann ist da ja auch noch die Musik. In ähnlicher Weise wie etwa bei Wilco oder den Eels kommt der Grundsound der Bright Eyes aus der Country-Ecke mit einem Hang zu unkoventionellen Texten, einer brüchigen Stimme und mehr oder minderstarken Rock-Elementen. Im Vergleich zu "Digital Ash..." verzichtet das Trio diesmal auf jegliche Elektronik-Frickeleien und setzt auf traditionellen Country-Sound plus großzügig eingestreuten Streicher-Pathos und Gast-Musiker (u.a. Gillian Welch, Janet Weiss, Maria Taylor, Stacey und Sherri DuPree). "Cassadaga" ist ein entspanntes und ausgeglichenes Album geworden, dem eventuell der eine oder andere herausstechende Moment fehlt und trotz vielschichtiger Instrumentierung ein bisschen mehr Abwechslung bei Sound/Tempo gut getan hätte, dass aber dennoch eine Vielzahl von schönen Melodien und interessanten Texten bereithält. Den Ritterschlag zum Singer/Songwriter-Genie a la Bob Dylan würde ich (noch) nicht ohne weiteres gutheißen, aber warum müssen immer gleich Superlative bedient werden? Mit seinen 27 Jahren hat Conor Oberst schließlich noch Luft nach oben. Aber ich bin kein Wahrsager.