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Deine Lakaien haben zum 20jährigen Bandjubiläum eine Box herausgebracht. Bei anderen Bands würde das normal, ja, gewöhnlich klingen, und das Ergebnis würde wohl eben so sein.
Bei Ernst Horn und Alexander Veljanov ist das etwas anderes. Für 21 ihrer Stücke haben sie ein Orchestertransskript entwickelt und präsentierten die Songs live mit dem Orchester der Neuen Philharmonie Frankfurt. Nicht nur, dass eine klassische Tour mit einem kompletten Sinfonieorchester logistischer Wahnsinn ist, hinzu kommt noch, dass alle Beteiligten vom Kabelträger bis zu den einzelnen Instrumentalisten Zeit und Enthusiasmus haben musste, damit so ein Mammutprojekt überhaupt funktioniert.
Wer das Spektakel live erleben durfte, wurde Zeuge historischer Auftritte. Nun wurden diese Konzerte also auf Silberling gebannt, 2 Live-CD's und 3 DVD's, davon 2 live und eine Bonus-Disc. Nicht wie bei anderen Bands erschöpft sich das Bonusmaterial in ein paar Interviews, nein. Es gibt hunderte Fotos aus alle Phasen der Bandgeschichte, Tondokumente von den ganz frühen Auftritten, ein Dutzend Videos der Band und auch sonst alles, das die Band in ihre Finger bekam und für veröffentlichungswürdig hielt. Wer die Perfektionisten Horn und Veljanov kennt, kann sich vorstellen, was dabei heraus gekommen ist.
Des weiteren wurde der Konzerttross von einem Dokumentarfilmer begleitet - übrigens einem Schüler von Wim Wenders - und die daraus entstandene Dokumentation ist in 2 Versionen enthalten - die 20minütige auf den normalen DVD's und die 40minütige auf der Bonus-Disc. Darin kommen nicht nur die Band- sondern auch Orchestermitglieder zu Wort, und das, was sie über die Einzigartigkeit des Projektes sagen, ist hochinteressant. Es ist halt ein großer Unterschied, wenn studierte Musiker eine Orchesterpartitur schreiben und dabei auf jedes einzelne Instrument eingehen, als wenn irgend ein dahergelaufener Filmkomponist Soße über Rocktracks gießt (wie bei Metallica geschehen...)
Das Ergebnis ist ein Release, das später als eines der legendärsten in die Musikgeschichte eingehen dürfte. Nicht nur, dass die Band es mit Leichtigkeit schafft, E-Musik und U-Musik miteinander zu verknüpfen, sie schafft es auch noch, das alles selbstverständlich klingen zu lassen. Alle Songs haben die gleiche Aufmerksamkeit erfahren, und somit sind alle Songs gleich stark. Natürlich wird es für den einen oder anderen Hörer Favoriten geben, aber technisch und spielerisch sind alle Stücke bei mindestens 120%.
Dabei sind Überraschungen und Altbewährtes. Interessant aber auch, wie einige Stücke uminterpretiert wurden. Natürlich gibt es bestimmte Songs, die so sind, wie man es erwarten durfte - insbesondere "Mirror Men", bei dem die Band 11 Minuten lang alles, aber auch alles auffährt, was heute mit moderner Musik machbar ist. Überraschender hingegen ist, dass das auf CD eher zwiespältige "Overpaid" ähnlich grandios ist. Auch das seltene "Madiel" und "Brainfic", das wie ein EBM-Orchester auf Speed herüberkommt, überraschen.
Die Klassiker sind natürlich mit dabei, hierbei überragen tut das abschließende "Love Me To The End", bei dem Horn und Veljanov es den Zuschauern einfach machen, sie zu vergöttern. Anstelle den Kitsch der Vorlage abzuschwächen, wurde er noch intensiviert, und das ist natürlich der gelungenstmögliche Abschluss für solch ein Konzert. Auch sonst gehen Deine Lakaien mit ungeheuer viel Witz und musikalischem Verstand an die Stücke, wenn bei "Overpaid" die Blechbläser fast Mariachi-artig schmettern, und Veljanov dazu seine spöttisch-sarkastische Miene aufsetzt, weiß man, warum dieser Song das heimliche Highlight des Abends gewesen ist.
Aber auch die restlichen Stücke wurden mit viel Liebe zum Detail behandelt. Zwischen gewaltsamen Eindreschen auf das Innere des Flügels, mit Hämmern auf Ambosse schlagen und zierlichen Händen, die virtuos klagende Geigen bedienen, entstehen kleine Kunstwerke. "Reincarnation" wie üblich sehr experimentell, "Away" traurig, "Vivre" melancholisch - häufig wurden die Grundstimmungen der Stücke beibehalten. Nicht zu vergessen übrigens das zweite ganz große Highlight des Abends, "Dark Star", bei dem die eh schon düstere Stimmung noch gruseliger wurde.
Eine E-Card haben die Jungs zu dem Thema natürlich auch zusammengestellt, hier zu finden:
http://tour07.colour-ize.com
Wer ein Stück Musikgeschichte erleben will und hören möchte, was heutzutage perfekte moderne Musik ist, der kommt an diesem Release nicht vorbei. Oder besser gesagt: Dies ist das einzige Projekt, das jemals in dieser Form verwirklicht wurde. Wirklich jeder, egal wer, der im modernen Musikbusiness etwas auf sich hält und meint,er wäre großartig; egal ob Lang Lang, Simon Rattle, Norah Jones, Metallica oder YoYo Ma, allesamt sollten sich mit "20 Years Of Electronic Avantgarde beschäftigen" - und danach voller Neid den Göttern huldigen. Denn die kommen weder aus Japan, noch aus den USA sondern nur aus Deutschland. Leider hört die Bewertungsskala bei 1+ auf. Deshalb hier die Sternchen, die eigentlich noch dazu gehören: ********************
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