Zwei Jahre ist es jetzt her, dass Billy Corgan in der Chicagoer Tagespresse in einer doppelseitigen Anzeige schrieb: "Ich will meine Band zurück, meine Songs und meine Träume." Mit "Zeitgeist", dem in der Fachpresse umstrittenen "Reunion"-Album der halben Smashing Pumpkins scheint er zwar auf dem Weg dorthin zu sein, aber doch noch nicht ganz wieder angekommen. Keine Frage, "Zeitgeist" ist ein gutes Album, die Nervosität im Vorfeld war unbegründet. Auch ohne D'Arcy Wretzky, Melissa Auf der Maur oder James Iha übersteigt es ohne große Mühe sämtliche Soloversuche des exzentrischen Ausnahmesängers. Aus alten Zeiten ist Corgan nur Jimmy Chamberlin treu geblieben, zu den neuen Pumpkins gehören nun Jeff Schroeder (The Lassie Foundation) an der Gitarre, Ginger Reyes (Halo Friends) am Bass und die Jazzkeyboarderin Lisa Harriton. Durchweg talentierte, gute Leute, die es gemeinsam geschafft haben ein Album einzuspielen, dass dem Bandnamen Smashing Pumpkins durchaus würdig ist. "Zeitgeist" ist abwechslungsreich, atmosphärisch dicht und eigenwillig und durchweg von der Energie eines Frontmannes geprägt, der es in seinem zweiten Frühling allen noch mal zeigen möchte. Gepaart mit neuen Einflüssen seiner noch unverbrauchten Bandmitglieder gelingt ihm dies nüchtern betrachtet ziemlich gut. Der Geist der Neunziger, die in der Alternative Music Szene massiv von den Pumpkins geprägt wurden, ist in der Gegenwart des nicht mehr ganz neuen Jahrtausends angekommen und hat sich an die Gegebenheiten unserer Zeit angepasst. Das Cover deutet gleich auf eine auffällige Neuerung hin. Wir merken, dass wir gemeinsam mit Corgan alt geworden sind unter anderem daran, dass auch er nun politisch wird. Generation X war mindestens vorgestern, heute schreibt man sich Weltpolitik auf die Fahnen. Das System frisst eben doch irgendwann jeden. Songtitel wie "United States" oder "For God And Country" sprechen für sich. Die typischen introspektiven Lyrics sind zwar trotzdem noch vertreten, allerdings nicht mehr ganz so dominant wie früher. Nach dem Opener "Doomsday Clock" ist mit "7 Shades Of Black" ein verlorener Kürbis-Klassiker vertreten, der gemeinsam mit "Zero" an die Stelle der härtesten und unmittelbarsten Songs der Pumpkins tritt. Spätestens "That's The Way (My Love Is)" versetzt einen nach wenigen Sekunden zurück in die Mitte der Neunziger, es ist ein lauer Herbsttag und irgendwer hört auf seinem Balkon die "Mellon Collie.." in der Stereo. Irgendwo zwischen "Adores" dunkler Schönheit und der durchkonstruierten "Machina" ist ein absolut liebenswerter Song entstanden, der an die Fähigkeit der Pumpkins erinnert, die Zeit für einige Minuten still stehen zu lassen. Soweit zu den schönen Erinnerungen. "United States" weckt einen schnell wieder auf und erinnert einen daran, dass seit diesem lauen Herbsttag einige Zeit ins Land gegangen ist. Der Ruf nach "Revolution" im Refrain erscheint hier fast schon alterstypisch zynisch und wirkt irgendwie ein wenig peinlich. "Bring The Light" erinnert dann ein wenig an Corgans Zwan Zeiten, ist aber trotzdem durchaus hörbar, wenn er auch etwas deplatziert wirkt. "Neverlost" dagegen ist wieder ein absolut brillianter Smashing Pumpkins Song. Ein gelungenes Update von "Thirty-Three" das einem mit seinem gehauchten "I'm in touch with you" und seinen nostalgischen Jahrmarkts-Keyboardklängen die Gänsehaut in den Nacken treibt. Spätestens beim letzten Song, dem massiv ausklingenden "Pomp & Circumstances", sind wir wieder in der innersten menschlichen Gefühlswelt angekommen, mit deren Thematisierung die Pumpkins schon damals die Seelen ihrer Zuhörer gewonnen haben. "Zeitgeist" ist kein hundertprozentig passender Anschluss an die alten Alben, Corgan ist mit seiner neuen alten Band noch immer auf dem Weg. Aber es ist eindeutig und sämtlicher Schmähkritik zum Trotz ein Smashing Pumpkins Album, dass nebst neuen jungen Fans vor allen Dingen denen gefallen wird, die mit "Today", "Ava Adore" und "1979" aufgewachsen sind. Wem beim Hören dann doch ab und an die jungendliche Intensität fehlt, der möge sich lächelnd darauf besinnen, dass wir alle ein wenig älter und einige von uns dabei auch erwachsener geworden sind. "Zeitgeist" passt in jedem Fall zu dem Geist unserer Zeit!