Neutral kommen aus Russland - für die doch sehr westeuropäisch geprägte Stilrichtung des Neofolk eher ungewöhnlich. Zumindest erreicht die russische Szene die westlichen Regionen so gut wie nie und die meisten Formationen bleiben - wie in vielen musikalischen Mikrokosmen Osteuropas - dem (west-)europäischen Neofolkhörer leider verschlossen. Das Duo Neutral orientiert sich eindeutig am Ursprung des Neofolks. Eher mit den harten akustischen Gitarren von Current 93 ausgestattet und mit einer stellenweise an Douglas P. (Death In June) zu Zeiten von "Luther’s Army" erinnernde Stimme erschaffen Neutral wahnsinnig schöne Kompositionen die ihresgleichen suchen. Der wunderbare, leicht hallende Gesang von Ash ist zum Weinen großartig und die Melodien wurden dementsprechend dem Gesang auf den Leib geschneidert, so dass es nicht mal eine Minute braucht, bis man gänzlich in diesem Album gefangen ist. Es gibt fast beschwingt anmutendende Querflötenmelodien ("The Gift Of The Sea"), langsame, tragende Stücke ("Serpents In The Dawn", "The Starfall Of Nevermore") und das letzte Lied des Albums, "Luna", ist auf russisch. Interessant, dass keine Übersetzung im Booklet abgedruckt ist, denn auch die Texte von Neutral sind so gehalten, dass man sich eingehender damit beschäftigen sollte und muss, wenn man dahintersteigen will, was die Band einem sagen möchte. Falls man nach dem Eintauchen in die Schönheit des Albums überhaupt noch beieinander genug ist, um sich klaren Kopfes mit den Texten zu beschäftigen, findet man Geschichten über Liebe, Tod und Sterben. Neutral sind moderne Barden, die ihre Geschichten voller Weltschmerz erzählen und es dabei nicht nötig haben, höhere Mächte, militante Ethik oder Geistesglorifizierung anzurufen, sondern einfach nur Balladen verfassen - musikalisch und textlich im ursprünglichen Sinn des Wortes. Jedes einzelne Stück auf dem Album ist meisterhaft, und um das Gesamtkunstwerk, das das Album darstellt, nicht zu zerstören, sollte man das Album als Ganzes genießen. Wer dennoch einen Song herausgehoben wissen möchte, sollte sich mit dem Titeltrack "Serpents In The Dawn" beschäftigen. 5:31 Minuten absoluter Perfektion. Schöner, besser, trauriger kann Neofolk nicht sein, und wenn man dieses Lied gehört hat, weiß man, warum man diese Musikrichtung abgöttisch lieben kann.