''Is this the end? / You know the end / There's no defense / No time to leave / No breath to breathe / No place to keep.'' Hände hoch! Blackmail sind wieder in der Stadt. Zwei Jahre nach ''Aerial View'' klopfen die Koblenzer wieder an unsere Tür und bitten zum Stelldichein. Im Vorfeld keimten bereits Zweifel auf: kann eine Band nach fünf Alben ihr hohes Niveau halten? Blackmail sind spätestens seit ''Bliss Please'' eine Ausnahmeerscheinung im deutschen Musikkosmos. Sie bewiesen sowohl songschreiberisches Talent als auch Mut zur noisigen Gitarrenwand und mischten es gekonnt mit dem Gefühl von Zuhause. ''Bliss Please'' war für viele ein Freund, strahlte heimelige Wärme aus den Lautsprechern. ''Friend Or Foe?'' und ''Aerial View'' stellten danach klar, dass die Zukunft der Band kantiger und sperriger aussehen würde. Von ''Tempo Tempo'' erwartet man daher nichts anderes. Aber wieviel Pulver haben sie schon verschossen und wieviele Ideen bleiben nach fünf Alben noch übrig? Der Opener ''False Medication'' schlägt sein ungemütliches Riffing in die Stille. Wo eben noch die Erwartungshaltung stand, tritt Konzentration an ihre Stelle. Der Song wirkt tatsächlich wie der Auftakt zu einer nächsten Schaffungsebene, ist durchweg elektisierend. ''Is there a cure to be found? / Is there a time to feel brave? / Is there a way to feel safe? / Cause there is so much to keep / Cause there is so much to keep / Before you fall into sleep / Fall into sweet sleep.“ Ein kleiner Selbstzweifel vielleicht? Keine Zeit zum Überlegen, denn ''Mine Me I'' schlägt in eine ähnlich noisige Kerbe wie sein Vorgänger und bestätigt mit einer schönen Schlagzeug-Klimax: die haben das mit dem Spannungsaufbau immer noch drauf. Zusammen mit den Streichern, die den Song abschließen, ist er eine einfach verständliche Version alter Biffy Clyro-Stücke zu ''The Vertigo Of Bliss''-Zeiten. Nach ''The Good Part'', dem ersten ruhigen Akustiksong, tritt das sechsminütige ''It's Always A Fuse To Live At Full Blast'' die im Vorfeld erdachten Zweifel zunächst in den Wind. Der Song repräsentiert in seinem fast schon progressiven Facettenreichtum das volle Spektrum von ''Tempo Tempo''. Ebelhäuser'sche Riffbaukunst, erhabene Streicher, die weit vom Kitsch entfernt sind, Abays Stimme, die einen mitreißenden Refrain trällert, und einen ausladenden Schlussteil. Aber – und hier liegt das Problem des Albums – überschreitet es ob solcher Wucht oft die Grenzen der maximalen Nutzlast eines Songs. Manchmal wirkt es einfach einen Tick zu sperrig, zu noisig, zu wuchtig. Da ist man dankbar für das entlastende ''Speedluv'', das von Anfang an gut zu verdauen ist. Nicht, dass die Menschheit etwas gegen anspruchsvolle Musik hätte - aber ohne Verschnaufpausen wird es dem ein oder anderen auf die Nerven gehen. ''No time for hide and seek / Give me love and give me speed.'' So fühlt man sich da, Herr Abay. Ja, ja. ''Tempo Tempo'' hält viele Überraschungen bereit, viele tolle Refrains, teils geniale Textzeilen, kleine und große stilistische Wendungen. Von leise nach laut und umgekehrt, von leichtfüßig bis erdrückend. Das beste Blackmail-Album ist es definitiv nicht, dazu fehlen die großen Hymnen von ''Bliss Please'', dazu fehlt die Straightness eines ''Friend Or Foe?'', die Stilsicherheit eines ''Aerial View''. Es hat von all diesen Qualitäten ein bisschen, aber von keinem genug. Der deutsche Musikkosmos ist diesen März um einige tolle Songs bereichert worden und Blackmail haben unter Beweis gestellt, dass immer noch Ideen in ihnen stecken. Nur was man mit ''Tempo Tempo'' in seiner Gesamtheit anfangen soll, wird manchem verborgen bleiben. Etwas verloren fühlt man sich am Ende. Und jetzt? Hände hoch? Stehenbleiben? Wegrennen? ''You have to move along with the headlights.'' Na dann.