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U2 -  Boy October War - Deluxe Versions     Artist:  U2
    Album:  Boy October War - Deluxe Versions
    Label:  Universal / Island
    Release:  18.07.2008
   Medium:  Album
    Genre:  Britrock Diesen Artikel ausdrucken 
    Autor:  Uraniumstaub Artikel per Mail versenden 
 

Nach "The Joshua Tree" bekommen nun auch die ersten drei U2-Alben eine der opulentesten "Remaster"-Behandlung im Universum: Beaufsichtigt von The Edge, der ebenfalls die Bonustracks kommentierte hat der Käufer erneut die Wahl zwischen preiswerter Einfach-, luxuriöser Doppel-CD und stilbewusstem Vinyl! Und wie beim letzten Mal legen sich der Sternenstaub solch edler Verpackung und die heilenden Hände der Zeit milde auf Augen und Ohren des Rezensenten und versöhnen ihn mit so manchen Dingen, die in den Achtzigern sehr deutlich und sehr nahe an die Grenze des Unakzeptablen surften und diese gelegentlich sogar überschritten!

Etwa die unsägliche zweite Welle britischer Gitarrenbands, die nur einen Augenaufschlag nach Punk dafür sorgten, dass Zug um Zug all jene Dinge zurückkehrten, die man gegen 1978 für alle Ewigkeiten entsorgt glaubte: Pathos, messianisches Sendungsbewusstsein, salbungsvolle Texte, sowie das Adjektiv "eingängig" in Plattenbesprechungen. Prompt dauerte es nicht allzu lange bis unermüdliche Langweiler wie New Model Army, The Alarm oder Big Country die frenetische Energie und die manische Kreativität von Wire, The Jam, Magazine oder Gang Of Four in einer Pfütze aus ödem Mainstream ertränkt hatten und das Genre "Gitarrenrock" toter als tot war. Zumindest bis The Jesus And Mary Chain 1984 mit der Kettensäge und der glorreichen "Upside Down"-Single aus ihrem Kellerloch gekrochen kamen und das gefährliche Element zurückbrachten! Die Fackelträger des Genres - U2 - waren da schon längst um die nächste Ecke gebogen, hatten sich Roxy Music-, David Bowie- und Talking Heads-Kollaborateur Brian Eno nebst Sound-Spezialist Daniel Lanois geschnappt und sich in ein Stadium des Flux begeben, welches bis heute andauert!

1980 waren sie von derartigen Metamorphosen noch Lichtjahre entfernt, "Boy" war das Produkt junger, idealistischer Männer und wirkte - je nachdem aus welchem Lager man kam - wahlweise "punkig" oder "mainstream-induziert". Unabhängig von der Lagerzugehörigkeit konnte man sich darüber freuen, dass U2 in The Edge einen individuellen, originellen Gitarristen besaßen, dessen Töne sich nicht vor großen New Wave-Stilisten wie Andy Gill (Gang Of Four). John McGeoch (Siouxsie, Magazine) oder Keith Levene (Public Image Ltd.) zu verstecken brauchten. Und auch vor dem New Yorker Tom Verlaine nicht, dessen zeichensetzende Gitarrenarbeit auf dem Television-Meisterwerk "Marquee Moon" The Edge ausgiebig studiert und verinnerlicht hatte. In solchen Momenten kann es einem fast schon leid tun, dass U2 niemals ein Album in diesen Dimensionen hinbekommen haben, aber das ist eine andere Geschichte. Wie dem auch sei: "Boy" zeigt eine Band, die weniger durch rebellische Attitüde als durch straighten Gitarrenrock mit New Wave-Spritzern auffällt, der von Steve Lillywhite ansprechend umgesetzt wurde und selbst vor leichten, gotischen Anklängen ("An Cat Dubh") nicht halt macht. Verglichen mit dem jungendlichen Esprit der irischen Kollegen The Undertones klingen U2 hier sehr ernst, sehr um Ausdruck bemüht. Songtitel wie "More Songs About Chocolate And Girls" wären Bono jedenfalls nicht aus der Feder geflossen. Dass die Bonusdisk U2s allererste Veröffentlichung, die 1979er "Three"-EP, sowie diverse unveröffentlichte und live aufgenommene Stücke enthält rundet "Boy" perfekt ab. Alles in allem ist dieses Debüt hervorragend gealtert, klingt zumindest für meine Ohren jetzt besser als damals und ist musikalisch eindeutig die erste Wahl in diesem Tripple. In Verbindung mit der Aufmachung und der Bonus-CD locker eine Eins.

Dass dagegen das "schwarze Schaf" im Backkatalog so früh die Spezialbehandlung abbekommt ehrt die Band und ihr Label, denn SO schlecht ist "October" selbstverständlich auch wieder nicht. Selbst wenn es mit den schlechtesten Verkaufszahlen im gesamten U2-Kanon aufwartet und auf der "Best Of 1980 - 1990"-Compilation lediglich durch den Titelsong (und auch nur als "Hidden-Track") repräsentiert wird. Das Problem an "October" ist schlicht und ergreifend das klassische "Zweite-Album-Syndrom", zu viel gewollt, zu verkrampft rangegangen und letztendlich doch nur die Formel des Debüts wiederholt. Entsprechend klingt das Resultat eine Spur zu routiniert, unausgegoren und zu wenig aufregend. Selbstverständlich gemessen am Standart von "Boy". Misst man "October" dagegen an New Model Army, The Alarm, Big Country oder (Jesus!) Midnight Oil registriert man schnell, dass alles immer noch einen Zacken schlimmer hätte kommen können. Und dass das amerikanische (christliche) Musikfachblatt "CCM" das Werk 2001 auf den 41.Platz der "Besten christlichen Alben aller Zeiten" wählte verdeutlicht U2s Kreuz mit dem Kreuz auf perfekte Art und Weise: Zu solchen "Ehren" wären "Chairs Missing" (Wire), "The Correct Use Of Soap" (Magazine) oder "Sound Affects" (The Jam) niemals gekommen! Was immer den elf Stücken der originalen LP an der Spontaneitätsfront abgehen mag macht übrigens die Bonus-Disc mit dreizehn Live- und BBC-Aufnahmen wieder wett und auch die Anwesenheit der Non-Album Single "Celebration" - samt B-Seiten - ist kein Fehler. Lediglich dass das wunderschöne Altpapiercover der originalen 81er UK-Pressung fehlt ist ein bisschen schade. Mehr aber auch nicht! Vom reinen Album her wäre "October" mittlerweile eine Zwei, enthält jedoch eine so schöne Bonus-CD, dass der Appendix "+" gerechtfertigt ist,

The Ege mag der große Stilist der Iren sein, U2s Geheimwaffe ist dagegen eindeutig Larry Mullen, Jr. und nirgendwo hört man das so gut wie auf "War", dem dritten, 1983 veröffentlichten Streich. Mullen, Jr, spielt hier ein derartig bollerndes, staubtrockenes Schlagzeug, dass es den "Eintrittspreis" selbst dann rechtfertigen würde, wenn der Rest der Musik kompletter Schrott wäre. Dass er das nicht nur nicht ist, sondern - ganz nebenbei - auch noch überzeugender als auf dem Vorgänger ausfiel spricht eindeutig für die Vision des Quartettes. Das Rund der globalen Stadien mag sich bei Stücken wie "40" oder "Two Hearts Beat As One" schon bedenklich weit und mächtig öffnen, der drohenden Sackgasse sind die Herren trotzdem entkommen und insgesamt offeriert "War" eine "nackte", fokussierte Herangehensweise an die eigene Kunst, die der Musik sehr, sehr gut tut. Auch wenn man bei den Texten das eine oder andere Mal einfach weghören sollte. Nicht ganz so überzeugend dagegen die Bonusdisc, da sieben der zwölf Tracks Mixe sind, welche vorrangig für Komplettisten von Interesse sein dürften aber immerhin belegen, dass U2s Flirts mit der Elektronik zu einem Zeitpunkt begannen als das kaum jemand mitbekam! Damit ist "War" das einzige Album in dieser Reihe, dessen Bewertung sich seit 1983 nicht gravierend geändert hat: Damals wie heute eine Zwei+.


Fazit: Selbst wenn das ständige Umverpacken und Neuanbieten längst bekannter Alben selbstverständlich die Pest auf Erden ist muss man neidlos zugeben, dass dieses Projekt Referenzcharakter besitzt. Hier ging es weniger darum einen schnellen Euro zu machen als darum, dem Hörer eine neue Perspektive auf Band und Werk zu ermöglichen und ihm gleichzeitig etwas in die Hand zu geben, das sich gut anfühlt Der Download oder die gebrannte CD, die das leisten können müssen erst noch erfunden werden.

PS: Wem diese U2-Phase gefällt sollte sich bitte mal die Mühe machen und "From The Lion's Mouth" antesten, das 81er Werk von The Sound, einer britischen Band, welche leider schon seit Ewigkeiten und völlig zu Unrecht in Vergessenheit geraten ist.


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