Zählt man die Zeit, als die Niedersachsen noch ISECS hießen, dazu, kann man bei Kontrast durchaus von Veteranen der elektronischen Schwarzen Szene sprechen. Seit nunmehr 16 Jahren streift das Trio umher, meistens leider weitgehend unbemerkt, doch zumindest "Einheitsschritt" ist aus den dunklen Tanztempeln nicht mehr wegzudenken. Dass Kontrast ziemlich angenervt davon sind, immer wieder auf diesen Track reduziert zu werden, merkt man der neuen Platte ziemlich deutlich an, denn "Vision und Tradition" beschreitet musikalisch sehr vielfältige Wege. Wie der Albumtitel bereits impliziert, geht es darum, die Brücke zwischen Alt und Neu möglichst gelungen zu schlagen, wofür der Opener "80er Jahre" schonmal ein guter Startschuss ist. Der angenehm poppige Charakter schiebt das Stück dem Hörer sanft in die Gehörgänge, während sich alle ab Ende zwanzig etliche nostalgische Grinser nicht verkneifen können werden. "Durchbruch" hingegen geht schon deutlich härtere Wege und legt eine Selbstironie an den Tag, wie sie anderen Bands des Sektors, die sich ein wenig zu ernst nehmen, ebenfalls gut zu Gesicht stünde. "Lichtbildkunst" ist dann direkt einer der stärksten Tracks des Albums und trägt seine Affinität zu Kraftwerk gekonnt zur Schau, nur textlich steht hier nicht "Das Modell" im Vordergrund, sondern der Fotograf. Die folgenden vier Stücke bewegen sich eher im Balladen-Bereich, was der Platte nicht unbedingt gut tut. Zwar erahne ich hinter diesem Vorgehen so etwas wie ein Konzept, doch fast zwanzig Minuten ruhigere Töne berauben das Album seiner anfangs aufgebauten Dynamik. Eine geschicktere Verteilung wäre hier sicher nicht schlecht gewesen, obwohl vor allem das nachdenkliche "Was ist das Ziel?" und der verträumt-melancholische Titeltrack gute Songs sind. "Deutsches Land" ist schließlich so etwas wie Einheitsschritt V2.0, inklusive rrrollendem "R" und Anti-Nazi-Thematik, da werden die Clubgänger sicher frohlocken. Zwischen den beiden langweiligen Instrumentals "Oranienburg" und "Moogland" kommt dann der einzige richtige Ausreißer der Platte daher, und das sogar richtig gut! "Dunkle Gestalten" geht nicht gerade sparsam mit rhythmischem Industrial-Geschepper um und weist vor allem am Anfang starke Parallelen zu Kiew auf. Der Rest der Platte ist leider schnell erzählt: ein netter, aber zu langwieriger Hörspiel-Track ("Nebel"), eine ausufernde, mittelmäßige Synthie-Pop-Hymne ("Der Prophet"), sowie die seichte und ebenfalls viel zu lange Schlussnummer "Im Ätherwellenstudio". Zählt man nun noch die Instrumentals und ein bis zwei der anfänglichen Balladen dazu, kommt man zu dem Schluss, dass es die Hälfte der monumentalen Spielzeit von 70 Minuten auch getan hätte. So spiegelt "Vision und Tradition" zwar getreu des Bandnamens viele Kontraste wieder, macht aber ein mehrmaliges Betätigen der Skip-Taste unumgänglich. Am Ende bleiben jedoch immerhin noch 30 bis 35 Minuten feiner Elektro-Pop übrig. Viel mehr haben andere Bands auch nicht zu bieten, deshalb spricht nichts dagegen, Kontrast noch mit einer Zwei zu belohnen.