Ein Sprichwort besagt, Rom wäre nicht an einem Tag erbaut worden. Nun darf man prinzipiell von Sprichwörtern halten, was man will. Zumindest in diesem scheint jedoch eine universelle Gesetzmäßigkeit zu stecken. Bedeutendes zu schaffen braucht seine Zeit, sei es in Wissenschaft, Politik oder Kunst. Einen aktuellen Beweis dafür könnten dieser Tage Orphaned Land aus Israel erbringen. Mit ihrem Meisterstreich 'Mabool' zogen sie schon vor über fünf Jahren einen Großteil der Szene in ihren Bann. Die Symbiose aus westlichem Death/Doom Metal, traditionell orientalischen Klängen, epischer Erzählweise und schlichtweg fesselnder Atmosphäre schlug damals jedenfalls nicht nur in der deutschen Landschaft massive Wellen. Als nun vor einiger Zeit erste Stimmen verlauten ließen, Orphaned Land würden sich im Frühjahr 2010 mit einem neuen Werk zurück melden, wuchs die allgemeine Erwartungshaltung schnell zu gefährlicher Größe heran. Würde sich das lange Warten lohnen, oder hätte man den Babyloniern gleich einen Turmbau begonnen, der von Beginn an zum Scheitern verurteilt wäre? Wir schreiben das Jahr 2010 und 'The Never Ending Way Of ORwarriOR' ist erschienen, uns Antworten auf diese und weitere Fragen zu überbringen. Zunächst soll vorweg gesagt sein, dass Begriffe wie 'Bedeutung' und 'Größe' hier gleich auf mehrere Ebenen zutreffen. Ganz banal begonnen wäre da zum Beispiel die Spieldauer von epischen 80 Minuten, die sich über 15 in drei Kapitel zusammengefasste Songs erstrecken. Auch das inhaltliche Konzept strotzt nur so vor Bedeutung, geht es doch um nicht weniger, als den ewigen Kampf zwischen Licht und Finsternis. Das mag im ersten Moment abgedroschen klingen. Schaut man sich jedoch den gesellschaftlichen Kontext an, aus welchem heraus dieses Werk entstand, liegt keine Geschichte näher als die hier wiedergegebene. Im Grunde kämpft der Lichtkrieger keine Schlacht, die mit Schwertern ausgetragen wird. Bedeutend ist nicht der Kampf gegen seine Feinde, sondern der gegen die Feindschaft an sich. Im Umfeld des nahen Ostens, wo drei Religionen trotz eines gemeinsamen Gottes nicht friedlich koexistieren können, gibt es kaum ein gravierenderes Thema. Orphaned Land belagern heute noch stärker als zu 'Mabool'-Zeiten die Mauern der Ignoranz. Das belegt ihr Cover-Artwork, welches allen Konflikten zum Trotz arabische und hebräische Schriftzeichen kombiniert. Das belegen die Bandfotos, auf welchen die drei monotheistischen Religionen in friedlicher Koexistenz dargestellt sind. Und das belegt nicht zuletzt Die Musik selbst, welche so erhaben Elemente der verschiedensten Kulturen miteinander verschmelzen lässt. Stilistisch gesehen präsentiert man sich noch wesentlich ausgefeilter als beim Vorgänger. Wo damals das Gefühl dominierte, die westliche Welt mit der orientalischen in Einklang gebracht zu haben, herrscht heute auch eine musikalische Konzentration auf die bereits erwähnte Nahost-Problematik. Bekannte Metal-Parts sind nach wie vor erhalten. Es wird gegrowlt und gekeift. Klampfen und Schlagzeug bieten, was die Technik so hergibt. Große Soli findet man ebenso, wie massive Riffs und wuchtige Schlagzeug-Breitseiten. Hinzu gesellen sich, noch deutlich facettenreicher, Chöre, Gesänge und gesprochene Worte in den Sprachen Englisch, Hebräisch, Arabisch und Jemenitisch sowie alle erdenklichen Instrumente verschiedenster orientalischer Kulturen. Was auch immer Orphaned Land mit den verfügbaren Mitteln anzustellen versuchen, es geht voll auf. Die ruhigen, zarten Momente tragen uns sanft durch eine im inneren Auge entfaltete Oasenlandschaft. Die epischen Minuten lassen uns teilhaben an der Macht und Größe besungener Ereignisse. Bis sich das Album dem Hörer komplett geöffnet hat, vergehen etliche Sitzungen und viele begeisterungsvolle Stunden. Es geschieht sicher nicht oft, dass wahre Größe auf einen einfachen Silberling gebannt werden kann. Im Falle von 'The Never Ending Way Of ORwarriOR' geht dieser Plan jedoch mit jeder Note auf. Selten war die Erweiterung des eigenen Horizontes schöner!