Drei Jahre, drei Alben - das ist der Kreativplan der jungen Gütersloher Band The Picturebooks, von dem sich so manch schreibfauler Altrocker gefälligst mal eine Scheibe abschneiden könnte. Die Knaller des ersten Albums 'List Of People To Kill' sind kaum aus den Gehörgängen verschwunden, da erscheint mit 'Artificial Tears' bereits das nächste Werk von The Picturebooks. Aber Geschwindigkeit ist schließlich nicht alles - gelingt es den drei Musikern, die rohe Energie ihres Vorgängers bei gleicher Hitdichte aufrecht zu erhalten? Die erste Minute von 'Artificial Tears' könnte den Hörer tatsächlich glauben machen, The Picturebooks hätten ihren Biss bereits verloren - ein dumpfes, verschwurbeltes Intro leitet den Opener 'I Put A Spell On You' ein, das aber schon bald in einen treibenden, stampfenden Refrain überleitet: Kein Grund zur Sorge also, das Feuer brennt noch. Zugleich wird mit dem ersten Song auch deutlich, dass sich die Gütersloher trotz zeitlicher Nähe zum ersten Album deutlich weiterentwickelt haben: 'I Put A Spell On You' (übrigens keine Coverversion) weckt glatt Assoziationen zu Jack Whites Nebenprojekt The Raconteurs. Besonders die erste Hälfte von 'Artificial Tears' gestaltet sich angenehm abwechslungsreich und dynamisch: Mit 'Twisted Truth / Mislead Youth' ist ein weiterer verschwitzter Noise-Rock-Hit der Marke Picturebook vertreten; die durchweg kurz vor der Eskalation stehende Single 'I'm Drawing Hearts On Your Jeans' erweist sich als grandioser Ohrwurm der Anhänger der verschiedensten Spielarten der Rockmusik gemeinsam auf die Tanzfläche bringen dürfte. Die größte Stärke der Picturebooks ist ihre Unberechenbarkeit und Offenheit gegenüber allen möglichen Stilen; so gibt es auf dem neuen Album mit 'Dance Tiger Dance' zum ersten Mal auch einen ruhigen Song (von Ballade kann allerdings keine Rede sein) der Gütersloher zu hören, auf 'Sensitive Feelings All Electric' experimentiert das Trio gar mit einem Synthesizer aus den Siebzigern und Samples von Kraftwerk. Diese neue Dynamik tut dem Album gut, kann aber trotzdem nicht ganz darüber hinwegtäuschen, dass 'Artificial Tears' gegen Ende etwas abfällt. So gehen die abschließenden Songs wie etwa 'Personality Grown On A Tree' immer noch als knackige Rocksongs durch, vermögen aber nicht ganz an die hochspannende erste Hälfte des Albums anzuschließen. Diese Kritikpunkte sind aber letztlich nur Gemecker auf hohem Niveau: Es gibt im Moment keine andere deutsche Rockband, die sich so unangestrengt zwischen allen Schubladen bewegt wie The Picturebooks. Auch wenn 'Artificial Tears' nicht auf ganzer Linie mit dem Erstling 'List Of People To Kill' mithalten kann, ist es dennoch eine unverzichtbare Platte für alle, die Innovation und deutsche Popmusik für mittlerweile größtenteils unvereinbar halten. Und natürlich für jeden, der cleveren, eingängigen Noise-Indierock ohnehin mag.