Man stelle sich vor, man habe einen Bekannten, der gute Witze kennt. Anfangs freut man sich immer sehr über seine lustigen Anekdoten und lauscht voller Begeisterung. Doch mit der Zeit erkennt man, dass sich die Witze dauernd wiederholen. Man beginnt mitzuzählen und ermittelt ein Kontingent von genau 16 verschiedenen Witzen, die unaufhörlich wieder auftauchen. Als man sie damals zum zweiten Mal gehört hat, hat man noch leicht grinsen müssen - doch mittlerweile mag man schon fast nicht mehr hinhören. Man könnte ja beinahe alle Worte mitsprechen. Lediglich die gekonnte Intonation hält noch davon ab, sofort Reißaus zu nehmen. Denn eins muss man ihm lassen - ansprechend vortragen kann er seine Witze auf jeden Fall. 'Wenn Blicke flöten könnten', das Debutalbum der Blockflöte Des Todes (im Folgenden auch tatsächlich durch ein feminines Personalpronomen ersetzt, obwohl es sich eigentlich um einen Herren handelt), ist wie eben ein solcher Bekannter, dem man zuerst unglaublich amüsiert zuhört, aber seine Geschichten schon nach einer kurzen Weile nicht mehr hören mag. Der erste Hördurchgang macht tatsächlich größtenteils Spaß wegen der skurrilen Erzählungen, die die Texte bieten. Die zwei folgenden Durchgänge lassen hier und dort vielleicht noch einen kleinen, versteckten Witz aufblitzen. Dann jedoch verlieren die Texte schlagartig ihre Spannung und Überraschung. Bei vielen Alben wird es als Gütesiegel betrachtet, wenn die Texte im Kopf hängen bleiben und plötzlich unterwegs in den Gedanken herumströmen. Bei 'Wenn Blicke flöten könnten' entwickelt sich das Problem allerdings genau aus dieser Erinnerung. Wenn von vornherein klar ist, wie die Pointe eines Songs aufgebaut ist, schlägt diese natürlich nicht mehr an. Ernstere Texte gedeihen mit voranschreitender Zeit in den Gedächtnissen der Zuhörer, während lustige Texte vielmehr verrotten. Die Blockflöte Des Todes greift skurrile Anregungen des täglichen Lebens in gereimten Versen mit Hilfe seiner relativ quäkenden Stimme auf. Diese erinnert an einigen Stellen an Olli Schulz und an anderen wiederum eher an Virginia jetzt!. Thematisch drehen sich die Stücke um die gern beackerten Felder aus Liebe, Sex, Drogen und Gewalt. Die Blockflöte des Todes bleibt zwar oft, aber immerhin nicht immer an bereits bekannten Motiven hängen, sondern liefert an einigen Stellen durchaus neue, kreative Ideen. Ihre Schwierigkeiten mit engeren Beziehungen zu Frauen rechtfertigt sie mit der 'Mädchenhaarallergie'. Aus diesem Song stammt der aufregendste Reim des Albums: 'Ich saß allein zu Haus und schaute MTV, da traf es mich wie Blitz und Donner. Und seitdem hängt in meinem Zimmer ein Poster von Sinead O'Connor.' Dicht gefolgt wird dieser Reim von zwei Versen aus 'Volkshochschulkurs' über die Sehnsucht nach dem Selbstmord, der allerdings nicht funktionieren will: 'Das Leben ist unfair, das Leben ist Shit. Ich brauch wohl einen Volkshochschulkurs in Suizid.' Der dritte Textauszug skurriler Einfälle schließlich stellt das Mittel vor, das der Arzt der Blockflöte Des Todes gegen die schlechte Haut vorgestellt hat: 'Er empfiehlt ein Mittel von Mutter Natur: Mein Arzt verschreibt mir eine Morgenurinkur.' Dass 'Alles wird teurer' als Stück über fair gehandeltes Kokain nicht sonderlich innovativ wirkt, ist nicht weiter verwunderlich. Denn schließlich hat Götz Widmann, möchte man meinen, schon alles über Drogen gesungen, das einem Menschen überhaupt jemals einfallen kann. Und singt die Blockflöte des Todes in dem Titel, der 'Kein Liebeslied für Tina', sondern eines für seinen Teddy ist, erinnert die Thematik stark an das uralte Stück 'Teddybär' von Die Ärzte. Auch 'Die Sache mit der GEZ' fühlt sich an, als sei dieses Stück irgendwie überflüssig, weil es von Geschichten rund um die GEZ schon genug gibt. Die Gefahr bei solch anekdotenhaften Texten besteht nämlich schlichtweg darin, nichts Neues zu erzählen. Auf der musikalischen Seite überrascht die Blockflöte Des Todes mit einer unerwarteten technischen Versiertheit, die andere Blödel-Musiker gnadenlos in den Schatten stellt. So tragen die Instrumentierungen einen entscheidenden Teil dazu bei, dass die Songs sich nicht noch schneller abnutzen. Obwohl die Abwechslung teilweise, wie beim punkigen 'Du bist so schön wie ein Flughafen', schon zu weit voranschreitet und den Eindruck eines zusammenhängenden Albums erschwert, bleibt die Vielseitigkeit doch überwiegend positiv zu betrachten. Dass die Blockflöte des Todes schon mit 13 Jahren die Orgel in der Kirche spielte und sich von seinem Lohn weitere Instrumente kaufen und erlernen konnte, hört man dem Album an. Deswegen fehlen auch Bläser, Glockenspiel oder Banjo nicht auf den Aufnahmen. Außerdem sind die musikalisch eingebauten Scherze lustiger als die textlichen. Einem Schmunzeln kann sich wohl niemand erwehren, wenn das emotional intonierte 'Kein Liebesied für Tina' die zu lange vernachlässigte Liebe zum Teddybär zum Schluss in hochemotionaler Manier heraufzubeschwören scheint, um das ganz große Gefühl auszudrücken und die Blockflöte des Todes allerdings ihre Töne schief darüber singt. Weitere Beispiele sind ein leicht abgewandeltes Zitat in Text und Melodie des Lucilectric-Klassikers 'Mädchen' in 'Jung & schön' sowie die von einer säuselnden, lieblichen, süßlichen Frauenstimme gesungene Zeile 'Im Schlachthof ist heut Tag des offenen Tiers'. Sowieso scheinen diese beiden Titel die meiste Experimentierfreude zu enthalten. Denn 'Jung & schön' besteht in den Strophen aus einem elektronischen Dance-Rhythmus und in 'Schlachthof' dominiert lupenreiner Sprechgesang. Zu erwähnen bleibt, dass die Musik aber eben nicht - im Gegenteil zu den Texten - auf den reinen Spaßfaktor setzt, sondern durchaus Anspruch auf schöne oder interessante Melodien erhebt. Vor einem Bekannten, der bei jedem Treffen wieder mit den üblichen Sprüchen aufwartet, nimmt man sich lieber in Acht. Und so könnte auch das Album der Blockflöte Des Todes rasch in der Versenkung des Schrankes verschwinden. Daran kann wohl auf Dauer auch die stellenweise wirklich gut gelungene Instrumentierung nichts ändern. Wer sich 'Wenn Blicke flöten könnten' dennoch öfter anhören möchte, kann sich das Zuhören mit zwei spannenden Rätselfragen vertreiben: 1.) Wo und wie oft spielt tatsächlich eine Blockflöte mit? 2.) Wo und wie oft taucht der Mythos auf, der Blockflöte des Todes fehle ein Bein?