Ein bisschen stutzig machte es einen ja schon, als Keep Of Kalessin mit ihrem neuen Song 'The Dragontower' bei der norwegischen Vorausscheidung zum Eurovision Song Contest teilnahmen. Klar spricht nichts dagegen, dass eine Black Metal-Band einfach mal schaut, wie das so ankommt, wenn sie zwischen all den lauen Pop-Weichzeichnern und Schwiegeroma-Lieblingen auftritt. Doch ein etwas fahler Beigeschmack bleibt, zumal der gewählte Beitrag auch eine Spur zu stark auf Simplizität gebügelt daherkam. Doch es kann Entwarnung gegeben werden - 'The Dragontower' ist tatsächlich der 'poppigste' Song auf 'Reptilian'. Der Rest geht zwar auch deutlich zurückhaltender mit der schwarzen Farbe um, als man dies insbesondere aus den Anfangstagen der Band noch kannte. Doch im Paket mit den Vorgängeralben 'Armada' und 'Kolossus' kann sich auch 'Reptilian' sehen lassen. Vom leidlich bekannten Drachenturm sowie dem angenehm knüppeligen 'Leaving The Mortal Flesh' abgesehen, mögen es Keep Of Kalessin wie gehabt eher episch und progressiv, was mit dem fast viertelstündlichen Abschluss 'Reptilian Majesty' auf die Spitze getrieben wird. Doch das ist gut so, denn das epische, vertrackte Element in ihrer Musik steht den Norwegern nach wie vor hervorragend. 'The Awakening' ist beispielsweise so ein Song, der immer wieder Haken schlägt, mal in Dimmu Borgir-Territorium wildert, dann vorsichtig in Richtung Power Metal schielt, plötzlich aber wieder mit abgehackten Thrash Metal-Riffs oder Blastbeats um sich wirft. Exodus-Riffs lassen bei 'Judgment' aufhorchen; 'Dark As Moonless Night' beginnt betont sanft und entwickelt sich dann zu einem feinen SloMo-Stampfer mit Keep Of Kalessin-typischen Gesangsmelodien in der zweiten Hälfte; 'The Divine Land' kombiniert gekonnt Thrash-Attacke mit hymnischem Gesang - stilistische Abwechslung und spannende Arrangement, die selbst den erfahrenen Hörer hier und da zu überraschen wissen, prägen das Bild von 'Reptilian'. Angesichts dieser Qualitäten sei ihnen der Ausflug auf die TV-Bühnen verziehen. Und gute Promotion war es allemal, da kann man keinem was vormachen. Als 'Epic Extreme Metal' bezeichnen ex-Satyricon-Gitarrist Obsidian C. und seine Mannen ihren Stil. Auf 'Reptilian' nähern sie sich dieser Beschreibung noch stärker an als auf den beiden unmittelbaren Vorgängern. Damit wird man wohl die ganz harten und düsteren unter den Metal-Fans kaum aus ihren Löchern hervorlocken können. Doch 'Reptilian' ist eine sehr gelungene, wenn auch stellenweise etwas unterkühlt und berechnend wirkende Option für all jene, denen Dark Fortress zu finster, Dimmu Borgir zu bombastisch und Bands wie Mystic Prophecy nicht extrem genug sind.