Die Kopie einer Kopie einer Kopie: So möchte man die Lage des Indierocks im Jahre 2010 oftmals beschreiben. Nicht nur, dass die Inspirationsquelle Post-Punk fast gänzlich erschöpft zu sein scheint, nein, viele junge Bands orientieren sich nicht einmal mehr an den großen Vorbildern aus den 70er und 80er Jahren sondern begnügen sich damit, die aktuell erfolgreichen Vertreter des Genres zu kopieren. Nicht so die kanadischen Born Ruffians. Diese drei jungen Musiker haben verstanden, worum es im Post-Punk ging und erschaffen eine rundum überzeugende Aktualisierung des Stils. Schon ihr Debüt 'Red, Yellow And Blue', hierzulande sträflich unterschätzt, begeisterte mit stürmischen Rhythmen und stilistischer Vielfalt, ihr neues Werk 'Say It' setzt aber nun in jeder Hinsicht noch einen drauf. Wie einst Public Image Limited, The Feelies, A Certain Ratio und viele andere bauen Born Ruffians gekonnt unterschiedlichste Einflüsse, vom Reggae bis zum Funk, in ihre Songs ein und bleiben dabei dennoch erkennbar eine Rockband mit Pop-Appeal im Blut. Doch nicht nur dieser traditionsbewusste, aber unverkennbare Stil macht 'Say It' so unglaublich grandios. Im Vergleich zum Vorgänger haben die Kanadier die Komplexität ihrer Songs eindeutig erhöht, ohne dabei jedoch ins Verkopfte abzurutschen: Thematisch erscheint 'Say It' als ein loses Konzeptalbum über Sprechen und Sprache; das Songwriting bricht oftmals mit traditionellen Strukturen, feiert dafür aber umso mehr die hymnischen Refrains. Die Songs fügen sich nahtlos zu einem homogenen Gesamtwerk zusammen und könnten dennoch problemlos auf jeder Compilation für sich alleine stehen. Dafür sorgen vor allem die wunderschönen Melodien, die 'Say It' zu einem dieser seltenen Alben machen, die nicht nur keinen einzigen Ausfall zu beklagen haben, sondern ausschließlich Hits bieten. Ganz besonders hervorzuheben sind der Ohrwurm-Opener 'Oh Man', das relaxte 'Sole Brother' und das sonnige 'Higher And Higher', in dem die Born Ruffians stark nach Vampire Weekend oder eben den eingangs erwähnten The Feelies klingen. Noch einmal sei hier aber auf die Eigenständigkeit des Stils der Kanadier hingewiesen, die sich besonders in der enorm wandelbaren, interessanten Stimme des Sängers Luke LaLonde begründet: Vom verwegenen Krächzen bis hin zum schmalzigen Schmachten beherrscht dieser Mann alles. Wem die Vielzahl der höchstens mittelmäßigen Indierock-Bands der letzten Jahre also zu sehr auf den Magen geschlagen ist, dem sei Folgendes gesagt: 'Say It' ist bisher DIE eine Platte des Genres, die man 2010 haben muss. Ein tolles, durchdachtes Album, das mit beiden Beinen im Hier und Jetzt steht und sich seiner Wurzeln dennoch eindeutig bewusst ist.