Man ist sich ja nicht mehr sicher, ob der Mann Rockmusiker oder Politiker ist. So oft, wie einem Bono Vox unfreiwillig in den Medien begegnet, ist es kein Wunder, wenn man ihn kaum noch ertragen kann. Die neue DVD schafft Abhilfe, denn '360° At The Rose Bowl' zeigt uns den Musiker und Entertainer Bono, der über alle Zweifel erhaben ist und uns nicht mit Weltverbesserungsvorschlägen belästigt. In Pasadena, unweit von und beinahe in Los Angeles, gaben U2 im Oktober 2009 ein beeindruckendes Open-Air-Konzert. Im Rose Bowl wandelte das Quartett, wie auf der gesamten Tournee, die bis heute andauert, auf den Spuren von Def Leppard. Nicht etwa musikalisch, sondern bühnentechnisch, denn der Name der Tour kommt nicht von ungefähr. Die Bühne ist rund, das Publikum umzirkelt die Band, ein Rockzirkus wie einst bei Leppards bahnbrechendem 'In The Round'-Konzert auf der 'Hysteria'-Tournee. (Auch wenn der Unterschied zwischen den Bands größer nicht sein könnte.) Angenehm im Vergleich zu vielen modernen Musik-DVDs, die teilweise im Schnellverfahren aufgezeichnet und produziert wurden, hat das Team um Regisseur Tom Krueger sehr gute Arbeit geleistet. Statt künstlicher Beleuchtung wurde die leichte, atmosphärische Dunkelheit exzellent für Licht- und Schatteneffekte genutzt und die Authentizität des Bühnenbildes bewahrt. In Kombination mit dem temporeichen, aber nicht übertrieben schnellen Schnitt, ist das wunderbar anzuschauen. Zu hören gibt es natürlich auch einiges. Bono wirkt vielleicht manchmal etwas phlegmatisch, stimmlich zeigt er jedoch eine überwiegend brillante Performance. Das Spektakel dauert etwas über zwei Stunden und ist gespickt mit vielen topaktuellen oder zumindest modernen Songs ('Magnificent', 'No Line On The Horizon', 'Beautiful Day') und nicht so vielen Klassikern ('The Unforgettable Fire', 'Sunday Bloody Sunday'). Besonders schön ist die Kombination von 'I Still Haven't Found What I'm Looking For' und Ben E. King's 'Stand By Me'. Die DVD ist leider nicht ganz ohne Makel. Ein absoluter Flop ist vor allem, dass der allabendliche Opener 'Breathe' nicht die DVD eröffnet, sondern aus unerklärlichen Gründen (Qualität?) im Bonusmaterial platziert wurde, und das auch nur auf der Deluxe Edition mit zwei DVDs. Ein weiterer Minuspunkt ist die Abmischung des Publikumsjubels, die für eine Live-DVD etwas zu leise ausfällt. Das gibt leichte Abstriche in der Atmosphäre. Ansonsten kann sich das durchaus sehen und hören lassen, was Bono, The Edge, Clayton und Mullen gemeinsam mit Krueger fabriziert haben. Wer sich nicht ganz sicher ist, ob er die 70 Euro aufwärts für die kommende Deutschlandtournee berappen soll, der hat den Zeitpunkt ohnehin längst verpasst. Wenn Bono sich nicht noch höchstpersönlich um eine faire Kartenpolitik kümmert, dann können nun nur noch die erbärmlichen Schwarzmarkthändler helfen. Dann sollte man vielleicht doch lieber auf diese sehenswerte DVD mit leichten Schönheitsfehlern zurückgreifen. Das schicke Booklet könnte dabei sogar als Tourprogramm in Miniaturausführung durchgehen. Doch bei der DVD-Sichtung bekommt auch der weniger intensive U2-Fan Lust auf ein Ticket ...