Die Kalifornier von Decrepit Birth hatte ich deutlich brutaler in Erinnerung als sie nun auf 'Polarity' daherkommen. Wer also nur bei so richtig derbem Gezergel abgeht, wird sicher eine Weile brauchen, um sich mit diesem Album richtig dick anzufreunden. Was natürlich andererseits nicht bedeuten soll, dass auf 'Polarity' mit Schäfchen auf der Blumenwiese gekuschelt wird - Decrepit Birth machen immer noch technisch höchst anspruchsvollen Death Metal! Jedoch - und das ist angesichts so vieler zu Tode produzierter Brutal-Death-Metal-Bands eine Wohltat - werden die Schrauben auf 'Polarity' nicht bis zum Anschlag angezogen. Stattdessen kommen die Songs geradezu 'luftig' daher. Auch wenn alle Tech-Death-Metal-Zutaten vorhanden sind, nähern sich Decrepit Birth diesmal noch stärker als zuvor Bands wie The Faceless, Obscura oder auch Cynic an. Wenn auch der Vergleich mit Letzteren stilistisch doch ziemlich hinkt - im Sinne gekonnter Jazz'n'Death-Arrangements, die jedem einzelnen Instrument und nicht zuletzt dem Hörer viel Luft zum Atmen lassen, kann man definitv Übereinstimmungen finden. Abgerundet durch ein wie immer sehr schnieckes Dan-Seagrave-Cover ist 'Polarity' ein echtes Highlight im Tech Death Metal dieses Jahres. Denn neben der wunderbar transparenten Inszenierung ist auch das Songmaterial sehr stark ausgefallen. Natürlich gibt es Takt- und Tempowechsel an allen Ecken und Enden, selbstverständlich wird mit unheimlich komplexen Rhythmen gearbeitet, und es versteht sich von selbst, dass es keine Strophe-Refrain-Strophe-Strukturen weit und breit gibt. Doch was bei vielen anderen Bands (außer den genannten Genre-Vorreitern, zu denen man noch Necrophagist, Pestilence, Atheist und natürlich die legendären Death zählen muss - ohne Anspruch auf Vollständigkeit...) zur Sackgasse gerät, wird von Decrepit Birth auf 'Polarity' zu einem süchtig machenden Cocktail verrührt, dessen Nuancen sich mit jedem neuen Hördurchgang deutlicher präsentieren. Six Feet Under sind das Sternburger, Deicide das leckere Augustinerbräu - Behemoth der Single Malt Scotch aus dem Hause Laphroiag und Decrepit Birth der 18-jährige Talisker. Etwas ganz anderes als Rumpel-Death und auf dieser Ebene noch einmal etwas Besonderes. Aber natürlich auch Geschmackssache. Es soll ja Leute geben, die Sternburger ganz gern trinken...