'30. August 1980, Rock vor dem Reichstag! Wir präsentieren live, draußen und umsonst: Barclay James Harvest!' Was damals im wahrsten Sinne des Wortes zum guten Ton in Berlin gehörte, ist heute schwer vorstellbar. Schätzungen zufolge sollen damals 250.000 Menschen vor dem Reichstag den Songs der Artrocker gelauscht haben. Nach ihrem Auftritt in Berlin drei Jahre zuvor hatten sie ein Lied über die heutige Bundeshauptstadt geschrieben und sich damit Freunde im Berliner Senat gemacht. Freudig begrüßt sie der Sprecher des Senats und erwähnt noch den 'most important' Sponsor, nämlich 'the Wettergott'. Der spielte auch mit. Das gigantische Publikum feiert die Band begeistert, während sie ein hervorragendes, gewohnt synthesizer-lastiges Set spielt, das die Vielseitigkeit von Barclay James Harvest widerspiegelt. Alles ist dabei: Rock- und AOR-Klassiker mit Ohrwurmfaktor ('Loving Is Easy', 'Sip Of Wine'), das melancholische Progressiv-Epos ('Mockingbird') und die ewigen Dauerbrenner ('Life Is For Living', 'Hymn'), die regelmäßigen Radiohörern vielleicht schon auf den Geist gehen. Natürlich entfalten letztere hier eine ganz andere Wirkung. Für jeden Pop- und Rock-Nostalgiker ist das ein Vergnügen. 1982 erschien der Mitschnitt unter dem Titel 'Berlin - A Concert For The People' als Doppelalbum, nun endlich auch auf DVD, die mit ein wenig Bonusmaterial auf eine Laufzeit von 79 Minuten kommt. (Da hätte man sicherlich noch etwas hinzu addieren können.) Vergleichbar mit den zahlreichen Rockpalast-Veröffentlichungen aus den 70ern und 80ern wurde aus dem Bildmaterial rausgeholt, was rauszuholen war. Die Tonqualität ist exzellent und kommt auf zwei Tonspuren. Auch der physische Teil des Produkts kann sich sehen lassen: ein dickes Booklet und ein Miniatur-Souvenir-Programm, dazu die DVD-Hülle im schicken Pappschuber. Gerade für deutsche Fans ist die DVD natürlich sehenswert, speziell unter historischen Gesichtspunkten. Den Szenen des Bühnenaufbaus vor dem Reichstag, die eingangs gezeigt werden, folgen Bilder von der Grenze, begleitet vom BJH-Song 'Berlin'. So nah und doch so fern, möchte man sagen, wenn man bedenkt, dass viele Menschen in der ehemaligen DDR dieses Konzert wenn überhaupt nur hören konnten, während ihre westlichen Nachbarn unbeschwert die Musik der Briten genossen. Sieben Jahre später jedoch traten Barclay James Harvest als erste Rockband aus dem Westen in der DDR auf und spielten vor geschätzten 150.000 Zuschauern im Treptower Park. Diese Zeiten sind lange vorbei. Heute existiert die Band skurrilerweise in zwei Ausführungen. Von einem Publikum wie damals können sowohl Les Holroyd als auch John Lees nur träumen. Vielleicht bewegt die Sichtung dieser gelungenen Veröffentlichung die beiden ja zur Reunion. Warten sollte man darauf aber nicht.