Deine Lakaien gehen auf 'Indicator' keine Kompromisse ein. Es wird nichts und niemand bedient. Hatte man auf den meisten Alben der Band das Gefühl, dass zumindest ein gewisser Zwang besteht, die eher anspruchsvolle, intellektuelle Klientel zufrieden zu stellen und dabei sich selbst dieser zuzuordnen, haben Deine Lakaien es mit 'Indicator' geschafft, diese Zwänge abzuwerfen. Daher fällt zunächst die Leichtigkeit und die Direktheit von Musik und Texten auf. Natürlich sind das unverkennbar Deine Lakaien, je nach Song dominiert die Elektronik mehr oder weniger. Es gibt sowohl minimalistischsten 80er-Jahre Elektro als auch Songs mit opulenten Streicherarrangements. Insgesamt erinnern die elektronischen Parts eher an die Stücke eines Albums wie 'Winter Fish Testosterone', und diese Passagen werden dann mit den sehr direkten Streichern von ihrer Komplexität befreit. Die Klavierelemente sind ebenso geradlinig, weniger verschachtelt, offener. Es scheint, als hätte der Hörer viel mehr Zugang zu den Emotionen, Ideen und Phantasien von Veljanov und Horn. Mitnichten soll hier der Einsruck entstehen, dass Deine Lakaien plötzlich jeden Anspruch zugunsten von simplen Strukturen (am besten mit der Interpretation, die Band würde dies im Hinblick auf kommerziellen Erfolg tun) abgelegt haben. Im Gegenteil, Deine Lakaien sind viel direkter und ehrlicher, man versteht als Hörer den Anspruch einfach besser, wenn er klarer und geradliniger ausgedrückt wird. Musikalisch scheint nach dem Überprojekt '20 Years Of Electronic Avantgarde' der Zeitpunkt gekommen zu sein, die Musik von jedem Ballast zu erleichtern. Deine Lakaien schreiben einfach geniale Songs, und diesmal gehen sie so direkt wie noch nie ans Herz des Hörers. Auch Veljanovs Stimme ist noch einmal verbessert (geht das überhaupt?), die Dynamik ist immens hoch, von leise und bedächtig steigert sie sich bis die Stimme z.B. bei 'Six o'clock' laut und eindringlich ist. Egal ob das die Monotonie der Beats bei 'Europe' ist, die etwas an 'Overpaid' erinnert, oder eine gewisse Theatralik der Streicher bei 'Blue Heart', die Düsternis und Traurigkeit der Samples bei 'Go Away Bad Dreams', das etwas an 'Manastir Baroue' erinnert - die Stücke sind klarer, echter, erdiger. Insgesamt fehlen nur die etwas tragikomödiantischen Elemente, die bisher hier und da bei Deine Lakaien aufblitzten. Der Zynismus eines Stückes wie 'The old Man Is Dead' ist eher bitter als komisch. Die Stücke sind insgesamt vor allem eines: Weniger hektisch, ruhiger, eindringlich und ernst. Dies mit einer vergrößerten musikalischen Leichtigkeit zu kombinieren ist ein absoluter Geniestreich und ein Idealfall an Songwriting. Besser ist unmöglich. Auch textlich fahren Deine Lakaien dem Hörer sehr direkt vor den Bug - ebenfalls ungewöhnlich für eine Band, die bisher fast ausschließlich über zutiefst metaphorische Allegorien den Geist des Hörers beansprucht hat. Mit einem Text wie 'Immigrant' wagen sich Deine Lakaien so weit aus ihrem Schneckenhaus hervor wie noch nie. Eine Textzeile wie 'Just want to live like everyone, want to live like a common man in a common home... just like you' jedenfalls ist eine klare, sehr direkte sozialpolitische Aussage, die man so bisher von der Band noch nicht kannte. Auch 'Europe' schlägt mit seiner französisch-englischen Zweisprachigkeit in diese Kerbe. 'L'Europe c'est nous, les noir, les blancs, les grands, petits...' Die sozialkritischen Texte stehen im Kontrast zu den sehr intimen Liebesliedern wie 'Gone', 'Along Our Road' oder dem grandiosen, melancholischen Opener 'One Night'. Natürlich schaffen es Deine Lakaien, jede kitschige Klippe zu umschiffen. Auch die Texte, die von Liebe, Hingabe und dem Verlust derselben handeln, sind direkt, offen und sehr ehrlich. Deine Lakaien haben mit 'Indicator' nicht mehr oder weniger als das beste Album ihrer über 20-jährigen Karriere veröffentlicht. Ganz eindeutig einer der heißesten Anwärter auf das Album des Jahres 2010.