Mit seinem zweiten Roman 'Was kostet die Welt' begeht Nagel ganz bewusst einen ziemlichen Bruch zu seinem Debutwerk 'Wo die wilden Maden graben'. Passend zur Auflösung von Muff Potter im Dezember 2009 sind die Bereiche Musikerdasein und Tourtagebuch abgearbeitet. Doch so ganz wird sich vom Voranschreiten - seien es nun (Fahrt)Kilometer oder die im Lebenslauf - nicht verabschiedet. Der Protagonist Meise wird auf große Fahrt ins Moseltal geschickt, um sich dort mit all den Dingen konfrontiert zu sehen vor denen man so gerne wegläuft: Den Entscheidungen, den Wahrheiten und der Unbequemheit. Dabei zeichnet Nagel die Begebenheiten einerseits bestechend scharf, andererseits jedoch auch im Laufe der Handlung so häufig, dass es mitunter arrogant wirken mag, diese ständig alle anderen verteufelnde Kritik. Als Leser gewinnt man bleibende Eindrücke: So kann man nie wieder unbeschwert Bahn fahren ohne an Martin Gore-Lookalike oder an 'Frau im Spiegel'-lesende Omas zu denken, während man sich zeitgleich das Hirn zermartert ob es sich nun gehört im Abteil mitfahrende Fahrgäste zu verabschieden. Gedanken, die man selbst am liebsten weit von sich weg schiebt, kommen vehement wie eine an den Fersen haftende Wolke den ganzen Roman über immer wieder zurück und stellen sich in den Weg, so dass man nicht daran vorbeikommt. Die Geschichte führt Protagonist Meise für seine letzten, aus dem Erbe des Vaters stammenden Euro, auf ein Weingut in das Moseltal. Dort angekommen, wirft es ihn fast rückwärts aus der Bahn ob der gelebten Traditionen und Werte, die sich nicht nur in den leidenschaftlich und ausgiebig benutzten Redewendungen zeigen, sondern mehr noch in der Absicht dahinter. Protagonist Meise findet an der Mosel ein heiles Familienleben vor, dass er in der Form schon für antiquiert hielt, mehr Bretter vor den Köpfen, als man einreißen kann, und ein propassives Versauern am Ende der Welt – und das alles freiwillig. Das am Ende stattfindende Weinfest, bis dahin Protagonist Meise mehr Scherben produziert hat als jeder Elefant im Porzellanladen, fördert neben Alkohol und Blut auch die Wahrheit zu Tage, die diesmal so gar nicht in kursiv gedruckt ist. Mit 'Was kostet die Welt' hat Nagel keine Fortsetzung zu 'Wo die wilden Maden graben' verfasst, und das sollte jedem auch bewusst sein. Wer jedoch die Art und Weise der messerscharfen Beobachtung mag und die feine Linie zwischen Abstand und Arroganz zu schätzen weiß, wird 'Was kostet die Welt' lieben, trotz oder gerade weil es so ein herrlich dysfunktionaler Roman ist.