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Agalloch aus Oregon bewiesen schon 1999 mit ihrem sehr stark von Ulver zu 'Bergtatt'-Zeiten geprägten Debüt 'Pale Folklore', dass sie zu den spannendsten und vielversprechendsten Bands aus dem U.S.-amerikanischen Black/Folk-Metal-Underground zählen. Mit den grandiosen Nachfolgern 'The Mantle' und 'Ashes Against The Grain', auf denen sich zunehmend Post-Rock-Elemente zu den metallischen und folkigen Wurzeln gesellten, etablierte sich die Band als eine der herausragenden Bands der Szene. Einst etwas unbeholfen als eine Mischung aus alten Ulver, alten Katatonia und Godspeed You! Black Emperor beschrieben, sind Agalloch längst selbst zu einer Referenzband geworden. Vier Jahre sind seit 'Ashes Against The Grain' ins Land gezogen - nur die folkige 'The White EP' und die Demo-Sammlung 'The Demonstration Archive' halfen die Wartezeit zu überbrücken. Mit entsprechender Spannung und Vorfreude begegnet man 'Marrow Of The Spirit', das in Deutschland über Viva Hate Records erscheint. Agalloch wurden von einigen großen Firmen angesprochen, wollten dort aber nicht künstlerisch verhungern und wählten langfristige kreative Freiheit über kurzfristigen kommerziellen Erfolg.
Bachgeplätscher, zirpende Grillen, zwitschernde Vögel, darüber der wehmütige Klang eines Cellos: 'Marrow Of The Spirit' beginnt zaghaft und zurückhaltend. Umso heftiger überfallen einen dann die schwarzmetallischen Klänge am Anfang von 'Into The Painted Grey'. Mehr Darkthrone'sche Garstigkeit gab es bei Agalloch bislang kaum zu hören. Der erste Eindruck täuscht nicht: auch wenn 'Marrow Of The Spirit' wieder einige entspannte, akustische Passagen bietet, geben die fiesen Black-Metal-Attacken zu Beginn die Richtung vor. Im Jahr 2010 sind Agalloch wieder rauher und kantiger geworden. 'Ashes Against The Grain' funktonierte prächtig mit seiner vergleichsweise geschliffenen und sehr wuchtigen Produktion. Das neue, analog aufgenommene Album ist ganz bewusst hässlicher und fieser geraten, letztlich auch deutlich finsterer und beklemmender als der Vorgänger. Umso brillanter ergänzen sich die Gegensätze: die immer noch virulenten Postrock-Wände bei 'The Watcher's Monolith', die fast schon leichtfüßigen Klänge bei 'Ghosts Of The Midwinter Fires', die einen an 'The Melancholy Spirit' erinnern - und dann der tiefschwarze Moloch 'Black Lake Nidstang' mit seinen Drone-artigen Klangmauern, den flirrenden Leadgitarren, den schleifenden Doom-Riffs und den ins Mark gehenden Vocals von John Haughm.
Die krassesten Experimente haben Agalloch bislang immer auf EPs wie 'The Grey' betrieben - 'Marrow Of The Spirit' legt nun jegliche Scheu ab, ist damit das sperrigste Album der Bandgeschichte geworden. Aber eben auch ein Album, das bei den ersten sechs, sieben Durchläufen immer weiter wächst und damit eine sehr lange Halbwertszeit verspricht. Zumal John und seine Mitstreiter nicht den Fehler begehen, ziellos drauflos zu experimentieren. Stattdessen versuchen sie den Spagat zwischen den auf den Vorgängeralben kultivierten harmonischen, manchmal wärmenden Klängen auf der einen Seite und erdrückenden, unheilvollen Stimmungen auf der anderen - was bestens gelingt.
Das abschließende, größtenteil rein instrumental gehaltene 'To Drown' nimmt das Thema des Intros ''They Escaped The Fear Of Darkness' wieder auf und beschließt ein Album, das die ganze Bandbreite von Licht und Dunkelheit, kuscheliger Wärme und Eiseskälte, Hoffnung und Verzweiflung in beeindruckender Manier auslotet. Ein forderndes, vielschichtiges, großes Werk - das umso mehr beeindruckt, als dass Agalloch just in dem Moment, in dem sich Ihnen nach dem Erfolg von 'The Mantle' und 'Ashes Against The Grain' einige Türen geöffnet haben, ein Album vorlegen, das deutlich obskurer, dunkler und schwerer zugänglich ist als seine Vorläufer.
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