'Memoria Vetusta II' war vor zwei Jahren ein für Blut Aus Nord-Verhältnisse vergleichsweise bekömmliches Album geworden, das Melodien und einige entspannte Passagen in das destruktive Grundgerüst der Band aus Frankreich einband. '777 - Sect(s)', Teil eins einer geplanten Trilogie, ist hingegen (fast) nur destruktiv. Bands wie Dimmu Borgir mit ihrem Orchester-Schmonzens, Satyricon mit ihren klar strukturierten, rockigen Riffs oder die unzähligen Folk/Viking/Pagan-Black-Metaller mit ihren lustigen Mitpfeif-Melodien - sie alle haben den Black Metal von seinen perversen, nihilistischen, zesrtörungswütigen Wurzeln entfernt. Was nicht heißen soll, dass dabei nicht auch gute Alben entstanden; gerade Satyricon haben auch in den letzten Jahren starke Alben mit sehr gut geschriebenen Songs abgeliefert. Dennoch ist es angesichts dieser Entwicklung umso wichtiger für die Authentizität dieser nach wie vor so spannenden Unterart des Heavy Metal, dass sich einige Bands auf die Wurzeln des Genres besinnen. Blut Aus Nord tun dies - da haben sie große Gemeinsamkeit mit ihren Landsmännern wie Deathspell Omega oder Otargos - auf '777 - Sect(s)' auf ihre ganz eigene Art und Weise. Denn schwarzmetallische Urwüchsigkeit verstehen die Franzosen nicht als stilistische Hörigkeit gegenüber der Mayhem/Darkthrone/Burzum-Blaupause aus Norwegen. Stattdessen gilt der Leitspruch 'Tradition ist nicht das Bewahren der Asche, sondern das Weitertragen des Feuers'. So vermengen Blut Aus Nord auf ihrem achten Studioalbum Industrial-Kälte, an den Nerven zerrende, brutal disharmonische Gitarren, eine ungemein beklemmende Atmosphäre und Vocals, die dem Hörer keinen Halt in dieser Kakophonie bieten, sondern den Wahnsinn noch intensivieren. Damit erschaffen sie eine Form des Black Metal, die vom Sound her alles andere als traditionell ist, aber dem ursprünglichen Spirit dieses Musikstils näher kommt als 95 Prozent aller anderen Veröffentlichungen der Szene. Wenn selbst Black-Metal-affine Hörer bei diesem Album die Ohren anlegen, haben Blut Aus Nord ihr selbst gestecktes Ziel erfüllt. Wer nun aber denkt, '777 - Sect(s)' bietet nur klangliches Chaos, irrt. Denn die sechs einfach nur 'Epitome I - VI' betitelten Stücke stellen sich bei genauer Beschäftigung als sorgsam arrangierte, durchdachte Hassbrocken heraus, die manchmal sogar ein wenig Klangharmonie ('Epitome II') versprühen, sich aber eben auch in ihren extremsten Momenten immer einen Rest Nachvollziebarkeit erhalten. Einige Riffs graben sich spätestens beim Dritten Durchgang in die Hirnwindungen des Hörers ein, die zunächst wirr erscheinenden Details fügen sich allmählich zu einem logischen Ganzen zusammen. Nach 45 Minuten ist der Trip durch die finsteren, kalten Kellergänge beendet, die Beklemmung löst sich langsam. Doch dann ist da dieses seltsame Streben, möglichst bald wieder in diese Dunkelheit hinabzusteigen.