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Brian Eno: Drums Between
The Bells (XXL-
Besprechung)
von Michael Engelbrecht
| Kategorie: Blog, Gute
Musik, Musik aus 2011 |
Tags: Eno | 1 Kommentar
| bearbeiten
1 – NEO-EXOTICA,
STAMMESRHYTHMEN UND
FEINE STRÖME
Lyrik und Musik, geht
das überhaupt noch? Ist
das nicht ein alter,
verstaubter Hut?
Akademisches Kopfkino
für Literaturfreaks?
DRUMS BETWEEN THE BELLS
wird kontrovers
besprochen werden.
Manche Kritiker werden
ihre Vorurteile
gegenüber Brian Eno
abarbeiten, ihn mal
wieder verniedlichend
Professor Pop, wahlweise
auch Godfather of
Ambient Music nennen.
Manche werden die
fantastischen Gedichte
von Rick Holland in eine
griffige Schublade
packen, ohne selbst
tiefer in die Texte
eingedrungen zu sein.
Manche werden sich aber
auch Zeit nehmen, und
dann eines der
aufregendsten Alben
dieses Jahrgangs für
sich entdecken. Aber der
Reihe nach.
Brian Eno hatte von früh
an ein zwiespältiges
Verhältnis zu Wörtern,
ihren Bedeutungen, ihrer
Fähigkeit, die
Aufmerksamkeit vom Klang
abzuziehen. Und so
stellte sich dem Pionier
der Ambient Music mit
diesen Vertonungen
moderner Gedichte von
Rick Holland ein
interessantes Problem:
Gedichte als hochgradig
verdichtete Sprache
ziehen ja eigentlich
die Aufmerksamkeit auf
sich, jede Silbe, jeder
Zwischenton, jede
Atempause.
Der englische
Klangkünstler löst das
Problem, indem er die
Texte als akustisch
spannendes Material
darbietet. Neun Stimmen
kommen zum Einsatz – in
einem weitreichenden
Klangfeld zwischen Neo-
Exotica, beinhartem
Funk, Trash Jazz, Post-
Kraut-Elektronik,
ambienter Kammermusik,
Stammesrhythmen – und
gelegentlich auch
richtigen Songs.
Zwar ist unter den
Sprechstimmen auch Eno
zu hören, aber zumeist
setzt er auf originelle,
wenig englisch klingende
Stimmen, die einen
speziellen Akzent, eine
eigene Melodie haben
(eine Buchhalterin, eine
Raumpflegerin,
Zufallsbekanntschaften
aus der Nachbarschaft in
Notting Hill). Und
gesprochene Sprache hat
es – Eno weist in einem
Essay darauf hin – in
Songs immer schon
gegeben (etwa bei den
Shangri-Las (Leaders of
the Pack) – mir fällt
das lange Intro von
Donovans Atlantis ein).
Eno nennt diese Stücke
speech songs. Und er
nutzt alle Nuancierungen
zwischen dem
gesprochenen und dem
gesungenen Wort…
2 – BEDEUTUNGSSPIELRAUM
UND BÄRENTANZ
Einst tummelte sich Eno
mit David Byrne
im „Busch der Geister“
(auf dem Klassiker MY
LIFE IN THE BUSH OF
GHOSTS); da arbeitete er
mit gefundenen Stimmen,
von fanatischen
Predigern,
Nachrichtensprechern,
libanesischen
Bergsängerinnen;
geniales Sampling im
analogen Zeitalter!
Jetzt eröffnet er ein
Theater der Stimmen, das
alle Lügen straft, die
moderner Lyrik nur ein
bescheidenes Dasein im
Kellerloch des
Elfenbeinturms zuweisen.
Beispiel gefällig?
„leben beginnt nicht mit
einem titel / der
einmannschau / wir sind
wasser / und kehren
dorthin zurück / wir
gehen an den ort des
schlicks/ von beere und
ballen / der geruch und
das rümpfen / der puls
und das erblassen /
dünnknochenmann /
langarmmann / knorpel
und kalter wind / mach
werkzeug mann / flip aus
mann / tanz wie die
bären / folge den
sternen mann / mit
nassem öl auf daunen /
ein behaartes
elementares /
aufgerissene augen
festgenadelt um / eine
zweimondige
kurzsichtigkeit / zu der
wir uns im kreise
drehen“ (die Übersetzung
des Gedichts „a title“)
Man muss und braucht das
nicht alles beim ersten
Lesen/Hören verstehen –
mit der Zeit zünden
einzelne Bilder,
produzieren Aha-
Erlebnisse und locken
noch tiefer in die
Klangräume hinein. Was
mag Brian Eno gereizt
haben an den Gedichten
von Rick Holland? Ich
nahm sein Bändchen STORY
THE FLOWERS zur Hand
und stiess auf feine
Mischungen aus
Alltagsbeobachtungen,
Großstadtpanoramen,
Philosophie, Humor,
moderner Physik,
plötzlichen
Perspektivwechseln und
meditativen Umkreisungen
einzelner Motive. Den
Texten bleibt stets
mindestens ein Rätsel
erhalten, unsere
Phantasie wird nicht in
eine bestimmte Richtung
gedrängt. Die Gedichte
lassen genügend
Bedeutungsspielraum.
Und die Musik von DRUMS
BETWEEN THE BELLS
untermalt nicht einfach,
sie bestreitet,
verwandelt, treibt an,
setzt durch, fordert,
skizziert, schwingt aus,
dringt ein. Und noch
einiges mehr. „Niemals
gab es so ein
Empfinden“, erzählt Rick
Holland, „dass Brian die
Musik machte und ich die
Gedichte. Gedichte und
Musik konnten sich zu
gleichen Teilen
verändern im Lauf der
Produktion, und der
Schaffensprozess war ein
ofenes Forum der Ideen.“
Zu dem ersten Track des
Albums, Bless This
Space, erzählt Rick
Holland u.a. folgendes: –
Ich hatte das Gedicht
schon vergessen, da rief
mich Brian an und las es
mit einem pulsierenden
beat im Hintergund. Das
gefiel mir schon , aber
seine finale Gestalt
nahm das Stück erst viel
später an, als Leo
Abrahams und Seb
Rochford ihre Magie
verströmten. Leos
Gitarre und Sebs
Schlagzeug reissen die
Musik weit auf und
verstärken dieses Gespür
einer ansteckenden
Freiheit nach einem
gemeinsamem Ritual, als
ob man bis zu einem
Abgrund marschiert wäre
und nun keine andere
Wahl hätte, als ins
Unbekannte zu springen.
Soweit Rick Holland.
Bless This Space ist
also die ideale
Eröffnung, für ein
Album, das immer wieder
unbekannte Areale
erkundet. Textlich wie
musikalisch. “the
greatest joy there is /
is onward search through
the darkness”, heisst es
in einem andern Gedicht.
Gerne verfremdet Eno
auch Stimmen, rückt sie
ins Surreale, wie
in “the real”, einer
Attacke auf jeden
eindimensionalen
Realismus, mit lauter
ungebändigten,
schwebenden Tönen.
Eno, der Expressionist,
Eno, der Impressionist.
Und Rick Holland ist ein
so kongenialer Partner,
wie es einst Jon
Hassell, David Byrne,
oder Harold Budd waren.
3 - TANZEN AUF WOLKE 4
Der Clou: zum Ende hin
singt Eno - und alle,
die seit dem Ausklang
der Siebziger Jahre,
nach den Klassealben
HERE COME THE WARM JETS,
TAKING TIGER MOUNTAIN
(BY STRATEGY), ANOTHER
GREEN WORLD und BEFORE
AND AFTER SCIENCE, immer
viel zu lange warten
mussten auf neue Song-
Alben des Herrn Eno,
sind kurzfristig
versöhnt, mit dem
Vortrag von „Cloud 4“.
Wolken haben es leider
an sich, mitunter rasch
zu verschwinden, und es
ist fast schon
englischer Humor, dass
dieser tolle Song
deutlich unter der 2-
Minuten-Grenze bleibt.
Ein Song, so herrlich
aus der Welt gefallen
wie einst Julie With…,
aus BEFORE AND AFTER
SCIENCE.
In deutscher Übersetzung
liest sich „Wolke 4“
so: „die tollheiten des
gemütszustands /
bekannte wetterfronten
hemmen uns / oder
befreien uns wie
kinder / nur einen tag
auseinander / ein leben
lang im himmel / sonne,
taste den himmel ab wie
im flug / suche nach
irgendeinem zeichen /
(dinge) werden gut.“
Alles scheint vorbei zu
sein, Stille macht sich
breit, man schüttelt
noch immer den Kopf ob
dieses einen
Traumliedes, dem man am
liebsten hinterher
springen möchte – und
dann gibt es noch einen
Song, kaum glaubliche,
gute sechs Minuten
lang; den Gesang
zelebriert Eno in BREATH
OF CROWS mit einer bei
ihm selten vernommenen
tiefen Stimme, mit
einer Langsamkeit und
Intensität, die nicht so
weit vom Spätwerk eines
Scott Walker entfernt
ist. Das große
Erschauern, der Showdown
am Ende eines
überragenden Werkes.
Noch einmal Rick
Holland: „Wir waren in
einem neuen Teil seines
Studos, er hatte sein
ganzes Equipment in den
Raum geschafft, der
vorher ein reiner
Geschäftsraum war, mit
großen, zum Himmel
gerichteten Fenstern.
Der Regen hämmerte mit
schweren Tropfen
herunter, das Tageslicht
verschwand hinter den
Wolken, und da strömte
aus den Boxen ein
dunkler, fesselnder
Sound. Die Bühne war
gerichtet für Brians
Breath of Crows, eine
schleichende Meditation,
die dunkel und erhebend
zugleich ist. Seine Art
zu singen fügte sich in
die Atmosphäre ein. Ich
hatte das Stück in
Mumbai geschrieben,
während des Monsuns. Ich
hatte ein kleines Zimmer
auf Baumhöhe und lebte
in enger Nachbarschaft
mit der Krähenpopulation
der Stadt. Es war der
Endpunkt meiner Zeit
dort als Lehrer, ich
lebte eng mit diesen
Tieren zusammen, in
einer Kultur, die allem
Lebendigen viel
Aufmerksamkeit schenkt.
Der Song ist vielleicht
eine Art nicht-religöse
Hymne“:
„mein gott ist im atem
der krähen / er wächst
und schrumpft mit dem
wunsch der natur / ein
feuer ohne verbindung
mit dem menschenwunsch /
aber er muss absolut
sein, dieser gott/ denn
wenn der verstand still
steht bewegt er sich. /
mein gott ist im atem
von krähen / darf ich
mir nicht vormachen /
mein ich denken zu
lassen / er wächst
meinen wunsch zu
erfüllen / oder meine
sünde zu waschen / aber
lass mich mit
verwundernung
zuschauen / während er
seine arbeit macht. /
die klänge der heiligen
nacht im überfluss /
turmfalkenrufe und
glocken trinken die
luft / und das
sinnrennen quillt (lass
es herein) / oder die
rufe klingen wie hohles
blech / oder
grammophonkreise und
hintergrundstaub / ich
muss mich / ersetzt
durch most / durch
witterung und
wahrnehmung / darüber
wundern“
4 – SCHARFE KLINGE UND
FLIESSENDES PASTELL
Für jedes Gedicht
entsteht ein ganz anders
gearteter Track, es gibt
kein Formular, keine
Strophenmuster, keine
Gebrauchsanweisungen.
Das ist bestimmt etwas,
das Eno im Umgang mit
diesen Gedichten gereizt
hat. Immer wieder bei
Punkt Null beginnen.
Jeder Masche aus dem Weg
gehen. Das Resultat: wir
begegnen, klanglich
gesehen, der scharfen
Klinge – und dem
fliessenden Pastell (ein
genauer Blick auf die
Musik jedes einzelnen
Stückes, und diese
Besprechung wäre leicht
doppelt so lang). DRUMS
BETWEEN THE BELLS ist
der provokante
Gegenentwurf für
hochtrabende,
angestrengt
intellektuelle Kunst -
das Album zelebriert
pure Sinnlichkeit, ist
Seelen- und
Geistesnahrung in einem.
Die Musik ist archaisch.
Die Worte tanzen. Lyrik
und Musik: ja, das geht
noch. Und wie!
P.S. Das Artwork hat
auch Klasse. In der
special edition gibt es
alle Stücke noch mal,
rein instrumental. In
einer anderen
Reihenfolge, und ganz
merkwürdig anderen
Hörwirkungen.
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Und übrigens: anders als
der Verfasser mitteilt,
war SMALL CRAFT ON A
MILK SEA nicht das erste
richtige Sololabum von
Eno der letzten 20
Jahre. Zum Beispiel (und
es gibt mehrere
Beispiele) ANOTHER DAY
ON EARTH (2005) Und,
ähh, Trance- und
Klangkitsch finde ich
hier kein bisschen, ich
wäre eigentlich
allergisch gegen sowas. |
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