Mit Produzent Brian McTear und finanzieller Hilfe von Fans und Gönnern gelingt Marissa Nadler mit ihrem neuen, selbstbetitelten Album ein Meisterstück. Selten klang Schwermut so betörend. Delikates Fingerpicking und Nadlers Mezzosopran eröffnen das Album. Die Atmosphäre zunächst intim und zerbrechlich, gesellen sich im Laufe des sechsminütigen Openers 'In Your Lair, Bear' Schlagzeug, Streicher und elektrische Gitarren dazu und schaffen eine beeindruckende, spannende Dramaturgie. Natürlich wandert die in Washington, DC geborene Nadler immer noch die nur halb erleuchteten 'American Gothic'-Straßen entlang, natürlich beschreibt sie in ihren Liedern abermals die Geister ihres Herzens – und doch sind die neuen Songs lichter und muskulöser als die auf den vorherigen Platten. Bestes Beispiel: 'Baby, I Will Leave You In The Morning'. Vor einem schon beinahe epischen Arrangement breitet Nadler eine scheinbar unumgängliche Story über Verlust aus. Die Protagonistin bittet um Vergebung, bevor sie geht, zurück auf die Straße, wo sie trinken wird, um schlafen zu können – wahrscheinlich mit einem neuen Liebhaber. Aufgewachsen in einem künstlerischen Haushalt (Mutter Malerin, Bruder Gitarrist und Schriftsteller) war schon früh klar, dass Marissa keinen stupiden Bürojob ergreifen wird. Den bereits eingeschlagenen Weg als Kunstlehrerin beendete sie bereits nach kurzer Zeit, um sich der Musik zuzuwenden, die ihr weniger akademisch geprägt erschien. Ein weiser Entschluss – als Beleg braucht man nur diese elf Songs, allesamt freimütige, berührende Dokumentation über die zahlreichen Wege, die eine Liebe sterben lassen können. Die B-Seite des Albums eröffnet mit 'Puppet Master'. Nadler betrauert über einen Country Shuffle eine zerbrochene Beziehung (Cobalt and sea, come back to me), doch dann wechselt der Song die Richtung, entwickelt sich beinahe in einen Walzer und die Ronnettes grüßen von Weitem. Absolut verführerisch! Und es zeigt, was für eine Entwicklung die 30-Jährige als Songwriterin genommen hat, kulminierend zunächst in den weitreichenden Sounds ihres 2009er Albums 'Little Hells' und schließlich in den subtilen, wandelbaren Arrangements der neuen LP. Superb!