Die Geschichte des Anthrax-Line-Ups kommt schon einer Seifenoper gleich. Zumindest seit 2005, als Joey Belladonna das erste Mal zurückkehrte, gab es in der New Yorker Band ähnlich viele Personalwechsel wie in einem Bundesliga-Verein. Den Gipfel erreichte die Posse, als Sänger Dan Nelson nach Fertigstellung des Albums unter mysteriösen Umständen geschasst wurde. John Bush sprang daraufhin ein und absolvierte gefeierte Festival-Auftritte mit der Band. Doch das ursprünglich für 2009 angekündigte und mit Nelson eingespielte 'Worship Music' wurde nach etlichem Hin und Her schließlich mit Belladonna am Mikro neuaufgenommen. Um keine Missverständnisse aufkommen zu lassen. Ich mag John Bush, aber Anthrax ist für mich die Turbin- und vor allem Belladonna-Band. Und als solche macht die Thrash-Legende dort weiter, wo sie genau genommen nie aufgehört hat, knallt mit 'Earth On Hell' eine saftige Thrash-Ladung auf den Tisch, gefolgt vom furiosen 'The Devil You Know'. Das vorab veröffentlichte 'Fight'em 'Til You Can't' ist ebenfalls der klassische Anthrax-Mosher nach Art von 'I Am The Law' mit Stakkato-Riffing und melodischem Refrain. Überhaupt ist 'Worship Music' erstaunlich melodisch geraten. Herausragend ist hier der beeindruckende Siebenminüter 'In The End'. Insbesondere 'I'm Alive' oder 'The Giant' sind dabei durchaus zeitgemäß und hätten auch einem John Bush gut zu Gesicht bzw. zu Stimme gestanden - wenn nicht sogar besser, werden andere sagen. Nun gebe ich gern zu, dass auch ich John Bush für den besseren Sänger halte. Aber Belladonna gehört für mich einfach zum Anthrax-Sound. Und 21 Jahre (!) nach seinem letzten Studioalbum mit der Band macht er auf 'Worship Music' einen guten Job. Die Zeit als Hochtöner liegt zwar hinter ihm, aber auch etwas tiefer überzeugt er stimmlich. Als Debütalbum für das unbeschriebene Blatt Dan Nelson geplant, vereint 'Worship Music' geschickterweise Elemente aus allen Anthrax-Phasen, wobei der Schwerpunkt auf der frühen Belladonna-Ära liegt. Doch das Album ist beileibe kein erzwungener Retro-Trip durch die goldenen 80er-Jahre und auch kein müder Aufguss des alten Erfolgsmodells. Nein, Anthrax haben mit 'Worship Music' tatsächlich ein richtig gutes Album aufgenommen, das den Weg in die nächste, hoffentlich konstantere Ära der Band weisen könnte.