Balladen-Compilations von Künstlern aus dem Rockbereich sind immer so eine Sache. Trotzdem will ich ohne Vorurteile an den vierten Teil von Axel Rudi Pells 'The Ballads' herangehen. Mit 'Holy Diver' (Dio) und 'Hallelujah' (Leonard Cohen) sind außerdem zwei neue Cover-Versionen großer Originale dabei, die mein Interesse geweckt haben. Wer mit der Diskographie von Axel Rudi vertraut ist, wird sich zunächst fragen, seit wann eigentlich 'Love Gun' (Kiss) eine Ballade ist. Die Antwort lautet: Seit Axel Rudi Pell sich den Kiss-Knaller für sein Covers-Album 'Diamonds Unlocked' (2007) vorgenommen und den Pell'schen Weichzeichner drübergelegt hat. Und es funktioniert, weil die neue Version ganz anders ist als ihr Ursprung. Auch beim brandneuen 'Holy Diver' geht die Adaption in Ordnung. Der Vergleich mit dem Dio-Meisterwerk ist natürlich überflüssig. In der Balladenbearbeitung gerät 'Holy Diver' zum netten Feuerzeugschwenker. Anders bei Leonard Cohens 'Hallelujah', der ersten Single-Auskopplung aus 'The Ballads IV'. Der hervorragende Johnny Gioeli intoniert die Nummer mit so viel Emotion und Pathos, dass es wirklich zu viel des Guten ist. Und am Schluss setzt der Kinderchor noch einen drauf! Der Clou bei Leonard Cohens 'Hallelujah' war oder ist, dass es nicht kitschig klingt. Bei Axel Rudi Pells neuer Single ist das Gegenteil der Fall. Die dritte neue Ballade ist 'Where The Wild Waters Flow', ein Song wie eine Landschaftsmalerei. Die klassischen mystischen Geschichten von den 'stairs of doom to a world which was locked before, behind the velvet moon'. Obwohl ein Original, kommt bei dieser Musik der alte Ritchie Blackmore-Fan in Axel Rudi Pell durch, der sicherlich auch alle Scheiben von Blackmore's Night im Schrank hat. Glücklicherweise gibt es hier aber die komplette Hardrock-Verpackung. Ansonsten enthält 'The Ballads IV' bekanntes Pell-Werk der letzten fünf Jahre, darunter 'Northern Lights', 'Noblesse Oblige' und die Phil Collins-Adaption 'In The Air Tonight'. (Leider verschweigt das Booklet, von welchem Album die bereits veröffentlichten Songs jeweils stammen.) Für Axel-Fans, die im Besitz der vorigen vier Studioalben sind, stellt sich natürlich die Frage, ob drei neue Titel den Kauf der Compilation rechtfertigen.