Um Spezialeffekte drehen zu können, mussten Filmemacher zu Beginn des 20. Jahrhunderts noch an der Werkbank basteln, statt wie heute am Computer herumzuklicken. Die Leute hinter der Kamera waren handwerklich begabte Zauberkünstler und keine Computer-Freaks - so auch Georges Méliès, der 1902 mit 'Le Voyage Dans La Lune' den allerersten Science-Fiction-Film der Geschichte gedreht hat. Darin zeigt er seine heitere Vision vom ersten Flug zum Mond - mit allerlei Spezialeffekten, die für den damaligen Standard der Technik revolutionär ausgeklügelt sind. Seit kurzem ist der gut viertelstündige Stummfilm nach einem Überraschungsfund nicht mehr nur in schwarz-weiß, sondern sogar in einer handkolorierten Fassung verfügbar - untermalt vom Soundtrack des französischen Electro-Duos Air, das die originalen Melodien zu einem vollständigen Album ausgebaut hat. Im Vergleich zu ihren sonstigen Alben klingen Air auf 'Le Voyage Dans La Lune' wesentlich analoger und organischer. Sie wollten ihr Projekt mit einer ähnlichen Arbeitsweise verwirklichen wie Regisseur Georges Méliès seinen Film, nämlich als Tüftler und Handwerker. Dazu passt aber ihre maschinell genaue elektronische Programmierung der Sounds nicht, sodass Air die elektronischen Anteile stark zurückgefahren haben. Stattdessen dominieren echtes Klavier, echte Gitarren und echtes Schlagzeug die Stücke - alles live eingespielt. Das Stück 'Cosmic Trip' führt sogar ein Glockenspiel an. Ganz verabschieden sich Air von den elektronischen Spielereien aber natürlich auch nicht. Ein bisschen synthetisches Quietschen wie in 'Lava' braucht es ja auch schon, damit die Musik überhaupt noch nach Air klingt. Die zahlreichen beschwingten, flotten Lieder des Albums passen gut zur Stimmung des Films, in dem die Leute wegen der alten, nicht ganz flüssigen Aufnahmetechnik hektisch durch das Bild zappeln. Das Stück 'Parade' beispielsweise ist beinahe ein lupenreiner Gute-Laune-Pop-Song. Und in 'Seven Stars' rollen die Schlagzeug-Toms schnell daher, während Gast-Sängerin Victoria Legrand (Beach House) fragt: 'How long will it take you to reach the stars?', bevor eine männliche Stimme im Zwischenspiel von zwölf bis zum Raketenstart herunterzählt. Die langsameren Stücke sind bisweilen ein bisschen zäh. Mit dem Opener 'Astronomic Club' machen Air noch alles richtig, weil der zwar recht langsam ist, aber fanfarenhaft zum Aufbruch ruft. Schwieriger ist es bei 'Moon Fever', in dem beinahe durchgehend nur dasselbe passiert. An solch einer Stelle fehlt dann doch irgendwie der Film zum Hingucken. Das Stück mit der zweiten Gast-Sängerin neben Victoria Legrand, nämlich mit Au Revoir Simone, ist zwar sehr zurückhaltend untermalt, irritiert aber mehr als dass es langweilt. Denn Au Revoir Simone singt leicht dissonant und verwunderlich. Trotz einiger weniger Momente, die sich ein bisschen in die Länge ziehen, ist Air mit 'Le Voyage Dans La Lune' eine überzeugende Weiterentwicklung ihres Sounds gelungen, die ausgesprochen gut zum Film passt. Dadurch, dass sie ihre Musik auf eine organischere Ebene heben, treffen sie genau den Punkt, der den Film mehr als 100 Jahre nach seinem Entstehen so liebenswert macht.