Der Frühling kehrt ein dieser Tage, und passender hätten Lost In The Trees hierzulande kaum ihren zweiten Longplayer 'A Church That Fits Our Needs' veröffentlichen können. Denn auch das neue Album der Gruppe um Mastermind Ari Picker verkörpert den Anbeginn einer neuen Zeit und das Abschließen mit einem tiefdunklen und winterkalten Lebensabschnitt. 2009 nahm sich die Mutter des Musikers ihr Leben, und 'A Church That Fits Our Needs' ist das prachtvolle Mausoleum, welches ihr Sohn ihr durch den Einsatz seines größten Talents, der Musik, errichtet hat. Auf 'A Church That Fits Our Needs' sollte Ari Pickers Mutter, so wünschte es sich der Songwriter, genau den eigenen, schönen Platz innehaben, den ihr das Leben nicht habe bieten können. Allein dies indiziert schon den Pathos und die Rührseligkeiten, auf denen das Album dann auch tatsächlich fußt. Lost In The Trees arbeiten mit breiter Bandbesetzung und einem ganzen Streichorchester in ihrem Rücken, welches in vielgestaltiger Manier die zurückhaltenden Akustikgitarrenklänge umspielt und ab und an vollkommen überflutet. Bei den Streichern dominieren die stimmführenden Violinen, die vor Verspieltheiten nicht zurückschrecken und ausgezeichnet mit der hohen Stimmlage Ari Pickers harmonisieren. Es entsteht eine bittersüße, märchenhafte Atmosphäre - nämlich die von Orchester-Indie im Zuckerbäckerstil, wenn man so will. Von lyrischer Seite betrachtet wird dem aufmerksamen Zuhörer schnell klar, dass das zweite Album der US-Amerikaner um die Texte herum gewoben worden ist. Nicht unberechtigt zwar schreckt man oft davor zurück, Songwriter als Dichter zu bezeichnen; im Fall von Lost In The Trees allerdings ist man mit dieser Bezeichnung voll auf der sicheren Seite. Ari Picker zeichnet sich aus durch eine ganz eigene Art von Sprache, die noch anderswo in gleicher Form zu finden ein aussichtsloses Unterfangen wäre. In 'Red', der ersten Singleauskopplung, beispielsweise bleiben die in sphärischer Kopfstimme gesungenen lyrischen Motive keineswegs in ihrer künstlerischen Größe hinter denen der begleitenden Geigen zurück: 'As scarlet fever glows, so do the golden hands of god - Color for my eyes', malt einem das Falsett des Sängers die Bilder geschwind in den Kopf, als wäre nichts dabei. À propos golden: Dabei scheint es sich um das Lieblingsattribut, jedenfalls aber um die Lieblingsfarbe von Lost In The Trees zu handeln, denn auf 'A Church That Fits Our Needs' schimmert sehr viel gülden, so zum Beispiel Hände, Finger, Flügel, Augenlider und Festungen. Diese Ausdrucksweise ist Teil des fast schon sakral erscheinden musikalischen Nachrufs der Band auf Pickers Mutter. In regelmäßigen Abständen wird der Bezug der einzelnen Stücke zum Konzept des Albums konkret hergestellt. Mit einem 'Put your arms around my mother / I burned her body in the furnace / Till all that was left was her glory / Don't you ever dare / Think she was weak hearted' stellt sich der Künstler Picker im anrührenden 'Icy River' schützend vor die Erinnerungen, die der Welt von seiner Mutter geblieben sind, und im wundersam-zärtlichen 'An Artist's Song' ruft er sich nicht weniger Intimität aussparend die letzten Sekunden in deren Leben wieder vor Augen: 'You walked / Through this horrid life / But you got to sing / Before you closed your eyes / And you whispered / Your secret in a megaphone / That's heard from the ocean / All the way to my home'. Zur Verarbeitung des Verlusts eines geliebten Menschen gehört aber auch die Einkehr der Gewissheit, dass immer etwas von ihm bleiben wird - und sei es in oder an ihren Abkömmligen selbst. Das weiß auch Ari Picker, und singt: 'But I'll always have her eyes /Hell won't come into my house / Not when you're around' ('This Dead Bird Is Beautiful'). Dennoch ist nicht alles am Album 'nur' bittersüße Schwelgerei - zumindest auf der Instrumentalspur. Denn dort beweisen Lost In The Trees, dass sie auch Stücke mit antiker Schlachtatmosphäre ('Garden') oder schnellere, dramatische Nummern wie das am Rande der Dissonanz entlangwandelnden 'Tall Ceilings' glaubhaft arrangieren können. Fast überall präsent sind auf 'A Church That Fits Our Needs' außerdem leicht verwaschene Background-Gesänge à la da da, doo doo oder hoo hoo. Der Song 'Vines' lässt das Album schließlich ausklingen. Im Vergleich zu den restlichen Stücken fällt er dezenter, nüchterner und relativ still aus, erweist sich jedoch als hochfragil und melodisch-zärtlich. Auf diesem Wege wird die Platte einem behutsamen, nachdenklichen Finale zugeführt, welches aber stimmungsvoller schwerlich ausfallen könnte und die allerletzte Kitsch-Anschuldigung verstummen lassen sollte. Klar wird: 'There are things that songs can't say.'. Und so verabschieden sich die zwischen den Bäumen Verlorenen in aller Eleganz und Souveränität aus ihrem zweiten Album. Einem herausragenden, faszinierenden Album - im Mindesten für jeden, der traditioneller Instrumentalbesetzung aufgeschlossen gegenübersteht.