'Il n'y a pas de peur / pour les déserteurs'..? Gemäß § 16 Abs. 1 des Wehrstrafgesetzes macht sich derjenige wegen Fahnenflucht strafbar, der 'eigenmächtig seine Truppe oder Dienststelle verläßt oder ihr fernbleibt, um sich der Verpflichtung zum Wehrdienst dauernd oder für die Zeit eines bewaffneten Einsatzes zu entziehen oder die Beendigung des Wehrdienstverhältnisses zu erreichen.' Die Strafzumessung beläuft sich auf bis zu fünf Jahre. Wer sich also aus dem Staub macht, anstatt sich dem Kampf zu stellen und gegebenenfalls zu töten, macht sich eines strafrechtlichen Vergehens schuldig. Moralisch lassen sich solchartige Regelungen sowohl abstrakt als auch im konkreten Fall auf das Allerheißeste diskutieren, denn die Würde des Menschen steht in Anbetracht dieser Rechtsnorm scheinbar nackt ausgezogen und angreifbar im Raum. Das Unverständnis vieler teilen auch Grimoon, die ihre neue Scheibe 'Le Déserteur' genannt haben und im Fahnenflüchtigen eher einen Helden des Friedens und der Vernunft als einen Straftäter erblicken. Im gleichermaßen betitelten Song fordert die italo-französische Band gar 'un monument aux déserteurs' und 'contre la guerre' - also ein heroisches Denkmal für die Desertierenden und damit eines gegen den Krieg. Hinzu gesellt sich ein gemischtgeschlechtlicher, melodisch vielgestaltiger, aber konsequent hymnenhaft gehaltener Gesang, und der ist überwiegend französisch, aber auch italienisch. Damit weichen Grimoon durchaus vom linguistisch Szeneüblichen ab, gehen dafür aber nicht schwerfälliger ins Ohr, sondern wissen schnell zu gefallen. Auf der Instrumentalschiene bedient man sich des Notwendigsten vom Konventionellen - 'Le Déserteur' ist keine vertonte Initialzündung, eher ein puristisches, zurückhaltendes Album, auf dem Grimoon moderne Hilfsmittel wie Synthesizer sowie andere verdichtende Faktoren nur äußerst zurückhaltend einsetzen. Dies unterstützt den ernsten Charakter der in den Stücken entwickelten Themen, zu denen hauptsächlich der aus einem ethischen Blickwinkel betrachtete Krieg zählt. Die mit Bedacht, im pathetischen Opener 'Les couleurs de la vie' sogar fast weinerlich gespielte Akustikgitarre zieht sich - in regelmäßiger Begleitung von Streichern - als roter Faden durch das mit einer runden halben Stunde doch recht kurze Album. Dies endet schließlich relativ unerwartet und positiv überraschend mit einem tanzbaren, modernen Tango-Arrangement in 'Tango de Guerre'. Dazwischen finden sich neben ruhigen, meditativen Stücken wie 'Les démons du passé' auch ausgelassener klingende Momente, wie man sie in 'Directions', einem Song zum Thema GPS, antrifft. 'La Montagne Noire' wiederum wartet - jedenfalls zu einem ganz ordentlichen Anteil - mit mittelalterlicher Bardenmusik auf. 'Le Déserteur' punktet nicht zuletzt dort mit originellen Ansätzen und geradlinigem, entschiedenen Songwriting, das zeigt, dass hier eine Band weiß, wo sie hin möchte. Dass der einzelne Song für Grimoon nicht lediglich ein akustisches Marktobjekt darstellt, sondern ein in sich geschlossenes Kunstwerk bedeutet, ist nicht nur beim Anhören bereits zu vermuten, sondern zeigt auch die eigene (Weiter-)Verarbeitung eines jeden Tracks zum Animations-Filmchen, welche die Band gedenkt ihre Live-Auftritte titelspezifisch untermalen zu lassen. Mit 'Le Déserteur' haben Grimoon einen guten, wenn auch nicht allzu faszinierenden Job gemacht und nebenbei einen schlagfertigen Seitenhieb im Namen des Friedens abgegeben. Wie sagte noch einst Carl Sandburg? - 'Sometime they'll give a war and nobody will come'. Und wer weiß - vielleicht zählen wir uns dank solcher Gedankengänge ja irgendwann tatsächlich alle zu den Helden...