Vor langer, langer Zeit, so erzählt es der griechische Mythos, gebar die Echidna, ihres Zeichens hauptamtliche Ungeheuermutter, dem hundertköpfigen Typhon eine Art Kind: die Chímaira (griech. für Ziege). Die hatte wiederum drei Köpfe: an Ort und Stelle den eines Löwen, dahinter, also auf dem Nacken, den einer Ziege, und der Schwanz des auch im Übrigen einem Löwen ähnelnden Tieres endete in einem Schlangen- bzw. Drachenkopf. So ist es kein Wunder, dass man heute genetische Plan-Hybriden in der Tier- und Pflanzenwelt treffend als Schimären bezeichnet. Inwieweit ein gerechtfertigtes Werturteil überhaupt möglich ist, was Schimären angeht, ist überaus fraglich. Geheuer oder Ungeheuer - das ist hier die Frage. Nicht anders verhält es sich mit dem Herzen. Dass man auch im Herz eine Schimäre sein kann - respektive ein jeder es ist -, gedenkt nun Sängerin Yasmine 'Yaz' Uhlin nach dem Aus bei Ashbury Heights 2008 mit ihrem neuen Elektro-Projekt Javelynn musikalisch abzubilden, wozu sie sich mit Gitarrist Johan Andersson und Elle fürs Keyboard und Co-Programming auch gleich zwei Mitstreiter ins Boot geholt hat. Dass die Schwedin keine Anfängerin mehr in dem ist, was sie tut, hört man verblüffend selten heraus, stellt sich der erste ihrem Lebenslauf nicht entsprechende Eindruck doch schon beim Erklingen des Opener-Tracks 'Wannabe' ein, der sowohl inhaltlich als auch technisch ganz, ganz schwach auf der Brust ist und eher infantil wirkt als, wie vermutlich intendiert, verrucht. 'Die Young', vermutlich eine Art sinnbildliche BDSM-Hommage, ist da trotz des eher wenig versprechenden Titels dank Ansätzen von rhythmischer Dynamik schon interessanter anzuhören. Die Hoffnung auf krachende Unterhaltung währt gleichwohl nicht lange, wartet doch mit 'Morphine' direkt im Anschluss der nächste äußerst dürftige Song, der einzig und allein in seiner Synthie-Bridge zu überzeugen in der Lage ist. Für alles andere ist der Beat zu zähflüssig, der Text als solcher zu abgestanden und zu schleppend gesungen, um seinen Inhalt glaubhaft zu vermitteln. Doch damit nicht genug: Auch die Produktion erweist sich flächendeckend als merkwürdig schmal und gepresst. Entsprechend durchwachsen schnabuliert sich Javelynn entlang ihrer eigenen, unzulänglichen Mühelos-Melodien bis ans Ende des mit 39 Minuten Spielzeit keinstenfalls zu kurz geratenen Albums ihres neuen musikalischen Zöglings. Die Schimären-Dialektik schließlich bricht unter Vocoder- und scheinbarem Gameboy-Einsatz über den Hörer herein, wo es schlicht heruntergerattert heißt: 'I've been perfected in your lies made of gold / I've been infected every time the truth unfolds' sowie im Kehrvers - wenn es denn ein vollwertiger sein sollte - 'I can't love you if I don't feel you / I can't hate you if I don't love you'. Aber besser spät als gar nicht, gell? Am Ende bleibt - abgesehen von ein paar bescheidenen Lückenbüßern für die nächste Pseudo-Synthpop-Party - wenig. Ein Häufchen ganz netter Ideen vielleicht, ein paar sexy dahingehauchte Intonationen sowie ein ausgesprochen übersichtliches Potpourri vielversprechender, aber folgenlos bleibender Synthie-Motive. Die relativ gute Nachricht: 'Crisis' ('Without you in my head / I feel the pressure fade away / I have no tears to shed / no sympathies to offer, babe') weiß den ultimativen Reinfall als letzter Track dieses schwierigen Rezensions-Patienten so gerade noch zu verhindern. Was unser Herz und die Schimären angeht, wird sich der Hörer anhand dieses Albums gleichwohl kaum weiterbilden können.