Nichts ist so beständig wie der Wandel, sagte schon Heraklit. Ein Motto, das durchaus auch für Europe zutrifft. Seit der Reunion der Schweden im Jahr 2003 klingt kein Album wie das letzte. Auch dieses Mal. War 'Last Look At Eden' vor drei Jahren noch eine melodische und manchmal bombastische Tour de Force, ist das neue Werk 'Bag Of Bones' eher ein erdiges Blues- und Heavy-Rock-Monster. Schon der Eröffnungstrack 'Riches To Rags' beeindruckt mit dreckigem Gitarrenriff und Joey Tempests markantem, lang gezogenen Gesang mit Zeilen wie 'This is the sound of us digging our graves'. Es wurde oft genug betont, aber sowas hätten die 'alten' Europe der 80er garantiert nie gesungen. Erstaunlich ist auch der Titel der ersten Single-Auskopplung 'Not Supposed To Sing The Blues'. Noch vor ein paar Jahren hätte man das wahrscheinlich achtlos über Europe gesagt. Aber schon auf dem letzten Album war der Blues zu hören. Konsequent wurde das jetzt fortgesetzt. Der Text enthält diverse Anspielungen auf AC/DC, Elvis Presley, die Beatles und Led Zeppelin. Die Musik braucht ein paar Durchläufe, bis sie ins Ohr geht, aber dann rockt es. Das gilt im Prinzip auch für das ganze Album, denn auf hohes Tempo und geradeaus rockende Upbeat-Nummern hat man größtenteils verzichtet. Dafür gibt es zähe Rocker wie 'My Woman My Friend', die ihre Zeit brauchen. Eine Ausnahme ist 'Demon Head', nicht gerade rasend schnell, aber doch auf seine Weise furios. Ansonsten sind es gerade die leisen Töne, die schnell begeistern, der Titeltrack 'Bag Of Bones' etwa (mit Slide-Gitarre von Joe Bonamassa und letztlich mit lautem Finale) und das atmosphärische 'Drink And A Smile' - zu 99 Prozent von Led Zeppelin inspiriert. Zum Ende hin gibt es dann aber doch noch die durch und durch typischen Europe-Klänge. Der lässige, klassische Rocker 'Doghouse' spart nicht mit der Hammond-Orgel und mit kleinen Gitarrenspielereien. Und tatsächlich zieht mit 'Mercy You Mercy Me' noch mal das Tempo an, um dann mit einer absolut klassischen - und sehr schönen - Ballade namens 'Bring It All Home' rauszugehen. Das herrliche Solo von John Norum lässt keinen Zweifel daran, dass es sich trotz aller klanglichen Evolution um dieselben Europe von damals handelt. Mehr als eine Randnotiz bei 'Bag Of Bones': An den Reglern stand dieses Mal nicht mehr Tobias Lindell, sondern der momentan überaus angesagte Kevin Shirley. Der produzierte nicht nur die letzten Iron Maiden-Alben, sondern auch die von Joe Bonamassa und vor allen Dingen von dessen Band Black Country Communion. Mit deren beiden Alben hat 'Bag Of Bones' phasenweise eine frappierende stilistische Ähnlichkeit. Dass das nicht schlecht sein kann, ist klar. Aber mit dem genialen Vorgängerwerk 'Last Look At Eden' und dessen bestechender Dynamik kann 'Bag Of Bones' einfach nicht mithalten.