Julia Stone kennen wir ja eigentlich schon. Wenn nicht von ihrem letzten Soloalbum, dann mit einiger Wahrscheinlichkeit namentlich als die weibliche Hälfte des Bruder-Schwester-Musikprojekts Angus & Julia Stone. Wer bisher noch immer keine Gelegenheit genutzt oder sich keine Zeit genommen hat, sich mit der aus dem australischen Newport stammenden Indie Pop-Künstlerin vertraut zu machen, kann jetzt die Gelegenheit beim Schopfe - oder besser: bei den Hörnern - ergreifen und dies mit brandaktuellem Material nachholen. 'By The Horns' heißt nämlich die neue Scheibe der Julia Stone und bietet über ein bisschen mehr als vierzig Minuten das Gegenteil von krachigen Pop-Hits am laufenden Band. Das ist durchaus nicht verwerflich, wie sich herausstellt. Auch wenn die Australierin ihre markige Stimme, die sich gleichermaßen durch einen Anflug von Rauchigkeit wie durch mädchenhafte Unverbrauchtheit auszeichnet, gut und gerne auch als Knallbonbon hätte rosa verpacken und auf den ganz großen Markt werfen können. Hat sie aber nicht. Und so müssen wir uns anhören, wie Julia Stone den weltlichen Schmerz still verteufelt oder aber ihm trotzig in sein Angesicht lacht. Ersterer veranlasst sie, sich in ihre eigenen Songs zurückziehen zu wollen ('I want to live inside of this song / Don't worry about what they say when I'm gone' / ... / Everything's rolling along, nothing will last'; 'I Want To Live Here'). Letzteres demonstriert sie beeindruckend gefühlsecht in 'By The Horns', dem Titelsong, in welchem sie sich trotz ihres vom Betrogenwerden gebrochenen Herzens groovy, sexy und einfach cool autosuggestiv gegen den drohenden Unglauben an die Liebe wehrt, der wie ein Damoklesschwert über ihr hängt: 'I believe in love, I believe in love / No, darling, you can't take that away from me'. So einfach, und doch so bewundernswert. Dass man nicht durchgängig so stark gewesen sein kann, wie man aus solchen Momenten der Resolution hervorgeht, belegt Julia Stone im von der Bassdrum bestimmend gelenkten 'It's All Okay': 'I'll move to the country / an' live inside the deepest darkest wood / And I'll write you a letter and tell you all the things I should say to your face / But I won't send it to you / I'll send it to your mother's place / and she won't give it to you / That's how brave I'll grow here in my cave', räumt sie ein, und im Refrain lässt sich ein ein stückweit verärgerter (aber wohlklingender) Sarkasmus in ihrer Stimme nicht überhören. Unterlegen lässt sich Julia Stone auf 'By The Horns' durchgängig bescheiden. Meist dominiert das durchaus förderliche Schlagzeug; die Akustikgitarre und das Klavier finden sich sehr zurückhaltend dazugemischt und abgedämpft sowie weich gespielt, verfehlen dabei aber alles andere als ihre bereichernde Wirkung und stellen Julia Stones markige Stimme, die bisweilen an die Hope Sandovals von Mazzy Star erinnert, gekonnt heraus. Gleiches gilt für den sporadischen, dezent untermalenden Einsatz des Synthesizers. Gemeinsam mit dem kuschelig gesungenen, ellipsenartig getexteten Refrain von 'With The Light' entsteht fast schon Chillout-Atmosphäre. Ein kräuseliges Gitarrensolo wie das von 'Break Apart' - ebenso weich gehalten - passt dann aber auch noch ganz schön ins Bild. Dass 'The Line That Ties Me' der letzte Song ist, der einen auf 'By The Horns' begrüßt, ist kaum zu missdeuten. Eine auf seine ganz eigene Art und Weise laszive Balladen-Performance mit gaaaanz viel Gefühl in den Fingerspitzen am Klavier setzt einem bittersüßen Opiat von Album ein entgegen seiner Betitelung so gar nicht ver(ball)horntes Ende - zum dazu- und darin-Baden. Will heißen: 'By The Horns' überzeugt, animiert zum wiederholten Genuss und lässt leichte, in Relation feststellbare Abstriche im Songwriting - beispielsweise sei 'I'm Here, I'm Not Here' angeführt - nahezu vergessen. Ach, und eins noch - so schwer es sich auch schreibt: Das The National-Cover, Bloodbuzz Ohio, aufzunehmen, war unnötig wie ein Kropf. Beim nächsten Mal bitte am besten nur eigene Nummern - mögen die Originale noch so faszinierend sein. Oder anders ausgedrückt: Lieber gemeinsam in Kalifornien leben (vgl. 'Justine'), als unverheiratet von einem Bienenschwarm nach Ohio entführt zu werden.