Dreieinhalb Jahre ist das letzte Kreator-Album 'Hordes Of Chaos' nun her, siebeneinhalb Jahre 'Enemy Of God' - anscheinend hat das Credo 'Gut Ding will Weile haben' auch im Hause des wohl berühmtesten deutschen Thrash-Metal-Schwergewichts Einzug gehalten. Die Gleichförmigkeit der beiden Alben nach der Jahrtausendwende war ja schon mit dem exzellenten, sehr harten 'Hordes Of Chaos' ad acta gelegt. Was die Veteranen um Mille Petrozza aber auf 'Phantom Antichrist' abliefern, dürfte so ziemlich das abwechslungsreichste, spannendste und dementsprechend - trotz des unglaublichen Status, den die frühen Werke der Band innehaben - zumindest mit einem sachlichen Blick ohne Kultbonus das beste Album von Kreator sein. So gut wie noch nie schaffen es Kreator, eine Balance zwischen rasenden, aggressiven Stücken Marke 'Extreme Aggressions' einerseits und hochmelodiösen Ohrwürmern andererseits zu halten. Der Abwechslungsreichtum ist so groß, dass in kurzen Momenten selbst tiefer, cleaner Gesang Marke 'Endorama' Wiedereinzug gehalten hat. Von akustischen Gitarren bis zu derbsten Doublebass-Attacken und wahnwitzigen Soloduellen zwischen Slayer'scher Absurdität und klassischen, hochmelodischen Gitarrenläufen feuern Kreator aus wirklich allen Rohren des klassischen Thrash Metals, der nicht umsonst eine Form der Renaissance erlebt. Viele Bands haben die reine Brutalität, das ausschließliche Geprügel und das sinnlose Geröhre, das gegen Anfang des Jahrtausends en vogue war, gegen komplexe aber höchst klassische Strukturen eingetauscht – und Kreator zeigen, dass sie immer noch die Größten sind. Es gibt derbe Thrasher mit Geschwindigkeitsüberschreitungsgefahr ('Civilisation Collapse'), aber auch nachdenkliche, fast zurückhaltende Stücke wie 'Your Heaven, My Hell', das mit seinen düsteren akustischen Gitarren und der unglaublichen Ohrwurmmelodie zum Besten zählt, was Kreator je veröffentlicht haben. Man erahnt hier, WIE gut das 'Endorama'-Album hätte sein können, wenn die Band damals schon so weit gewesen wäre wie heute. Die anfängliche Düsternis wird in einem melodischen Gitarrengewitter und Midtempo-Gestampfe und schlußendlich purer Raserei aufgelöst. Ähnliches passiert auf sogar noch höherem Niveau bei 'Until Our Paths Cross Again' - der letzte Song des Albums strotzt vor Epik und Bombast wie kein anderes Stück von Kreator. Aber auch das stampfende 'The Few, The Proud, The Broken' sowie 'Victory Will Come' mit seinem im Gehörgang festfrierenden Refrain stechen aus der Masse heraus. Eigentlich ist jedes Stück auf 'Phantom Antichrist' ein Highlight, mehr konzentrierte Essenz von Kreator geht nicht. Kreator 2012 sind so gut wie noch nie. Und wenn man das über eine Legende der Anfangszeiten des harten Heavy Metals sagen kann, darf man sich glücklich und zufrieden zurücklehnen, der Musik lauschen und mit Kreator, sich selbst und dem Metal-Jahr 2012 im Reinen sein.