Es gibt kaum einen Song, den ich mein Leben lang mehr gehasst habe: 'Believe' von Cher. 1998 erschienen und bis heute regelmäßig in jedem schlechten Privatradio zu hören. Eben das Beste aus den 90ern, versteht sich! Allein schon beim Name Cher dreht sich mir der Magen um. Dieses blöde Video dazu. Dieses blöde 'Do you beliiieevee in love?'. Diese blöde, furchtbare Gitarre im Anschluss. Dieser blöde, furchtbar grauslige Gesang! Der mit dem Cher-Effekt! Der mit diesem Auto-Tune! Auto-Tune ist ein Computerprogramm zur nachträglichen Tonhöhenkorrektur, um beispielsweise falsch intonierten Gesang auf die richtigen Tonhöhen zu hieven. Wird dieser Effekt bewusst stark überzeichnet, dann entsteht ein Gesang, wie er von Cher in ihrem Grusel-Lied zu hören ist. Seit einiger Zeit ist dieser Effekt in der Popkultur wieder Mode. Kanye West benutzte Auto-Tune auf seinem Album '808s & Heartbreak' und erntete Spott. Bon Iver benutzte Auto-Tune auf seinem Album 'Bon Iver', um seiner Musik einen ironischen, selbstzerstörerischen Hauch zu verleihen. Poliça aus Minneapolis benutzen Auto-Tune auf ihrem Album 'Give You The Ghost', um den synthetischen Kunstgesang zu einer Offenbarung zu machen. Man mag es kaum glauben, doch Poliça um Sängerin Channy Leanagh verstehen es genau den Effekt für sich zu nutzen und etwas Besonderes zu kreieren. Dazu trägt eben zum einen Leanaghs Stimme bei, die trotz aller digitalen Bearbeitung und Verfremdung dennoch durch große Emotion, Stärke und unnahbare Kühle überzeugen kann. Ein Widerspruch, der sich selbst aufhebt, denn die Distanz, die der Cher-Effekt herstellt, wird durch die Instrumentierung wieder eingefangen. So sind es zum anderen die beiden Schlagzeuger, die ein wahres Feuerwerk abtrommeln, dazu ein durchdringender Bass und jede Menge elektronischer Finessen, die einen homogenen Klangteppich ausbreiten, auf dem sich Leanaghs Vocals räkeln können. Poliça lässt sich daher kaum einem Genre zuordnen. Am ehesten könnte man zu dieser Musik Trip-Hop sagen, doch das trifft es nicht ganz. Auch elektronischer R'n'B mit großem Pop-Appeal wäre sicher nicht falsch, denn Anlehnungen an die 70er und 80er Electro-Pop-Ära sind nicht zu überhören, jedoch kommt das alles frischer und innovativer aus den Boxen. Das berüchtigte Rad der Pop-Musik wird zwar nicht neu gedreht, doch 'Give You The Ghost' ist ein bemerkenswert cleveres und aufregendes Debütalbum. Eben genau das Gegenteil von Cher. geschrieben von Marcus Wellnhofer