Während der Entstehung ihres neuen Albums 'Neck Of The Woods' wollten die Silversun Pickups vor allem eines groß schreiben: die Freigeistigkeit. Die Songs sollten erst im Studio ihren eigenen Charakter umfassend entfalten, sich deshalb ihren eigenen Weg bahnen, in ihrem Heranwachsen weder gelenkt noch beschnitten werden. Ein erstes Indiz darauf, dass die L.A.'er diesen Vorsatz einhalten konnten, liefert schon ein Blick auf die bloßen Zahlen, die dem dritten Longplayer der Pickups zueigen sind: Von den elf neuen Songs überschreiten ganze acht die magische Fünf-Minuten-Marke, und auch die verbleibenden drei sind jeweils weniger als zwanzig Sekunden davon entfernt. Was sagt uns das aber nun über 'Neck Of The Woods'? Im Grunde gar nichts. Der nur scheinbar naheliegenden Vermutung, es könnte bei diesen Track-Längen eine zähe Partie werden, kann ihre Grundlage schnell entzogen werden - dafür reicht schon das bloße Reinhören. Jedes der Stücke entfaltet, wie man es von den Silversun Pickups schon gewohnt ist, für sich genommen ein vielschichtiges instrumentales Bouquet, gesteuert von lebendigen Gitarren, aber auch reich an unterschiedlichsten Features aus dem Synthie-Baukasten, dem letztlich die charakteristische, androgyne Gesangsstimme Brian Auberts Mal für Mal das Krönchen aufsetzt - in lauten und in leisen Momenten. Durch das unschuldig beginnende, dann aber schnell aufwallende 'Skin-Graph' läuft 'Neck Of The Woods' bereits mit einem ziemlichen Brecher an. Wie auch oft später, so fragt man sich während der stimmig eingebetteten zarten und leisen Phasen regelmäßig, ob sie denn wohl bis zum Ende des aktuellen Stücks noch einmal voll aufdrehen werden, und wird in seiner Erwartung meistens nicht enttäuscht. Jeder Song ist trotz großer Konnektivität innerhalb der Platte in seinem Verlauf erfreulich unvorhersehbar, sodass das Kategoriendenken bei diesem Album regelmäßig an seine Grenzen stößt. In der Tat haben die Silversun Pickups - sollte es nicht schon vorher der Fall gewesen sein - definitiv dieses Mal alles einfach laufen lassen und sind damit nicht falsch gefahren, denn hinter der eben angesprochenen Länge steckt mehr als bloß künstlich aufplusternde heiße Luft. So ist man nach den letzten Takten von 'Simmer' ('Where it starts / and where it ends / is here in my bedroom') gar erstaunt, dass laut Anzeige seit Beginn dieses Tracks beinahe sieben Minuten vergangen sein sollen. Zu viel Abwechslung, zu viel Melodie, zu fett spielt Bassistin Nikki Monninger ihr Instrument, als dass es zu Durststrecken kommen oder die Spannung sich verflüchtigen könnte. Auch die Ohrwurm-Kandidaten fehlen dieses Mal nicht. Da wäre zum Beispiel das eindrucksdichte 'The Pit' mit seinen Trampolin-Synths an und auf der Bass-Spur und seinem äußerst einprägsamen Refrain, bei dessen Zeilen - 'Somebody somewhere / will clean out your wounds / with dirty fingers / We'll bury the lie' - man auch als weniger feierwütiger Musikmensch versucht ist, beide Arme in die Luft zu recken, die Augen zu schließen und den Mund das Übrige formen zu lassen. Oder auch das Finale 'Out Of Breath', in dem Aubert mit mitreißend-melodiösem Pathos unter ständigen, durch sachte Gesangs-Bridges verbundenen Rhythmuswechseln hymnisch schmettert: 'And you say the word and I will come / With overbearing clouds of woe / Out of breath but not alone'. 'Bloody Mary (Nerve Endings)' schließlich ist mit gutem Grund zur ersten Single auserkoren worden, gibt es doch einen würdig repräsentativen Fingerabdruck für die Atmosphäre des Albums im Ganzen ab. Produzenten-Koryphäe Garrett 'Jacknife' Lee hat bei der 'Bändigung' der von den Silversun Pickups zum Eigenleben erweckten, unkontrollierten Klangschwärme eine gute Arbeit verrichtet und diese trotz aller Tonspurendichte in genussvoll konsumierbare Einheiten verwandelt. Wenn auch am Ende der Stil der Band keine nennenswerten progressiven Schübe erfahren durfte - man kann durchaus zufrieden sein. Denn es gibt viel zu entdecken auf 'Neck Of The Woods', und auch nach so einigen Durchläufen ist einem das Werk noch nicht ansatzweise vertraut, der Thrill nicht ausgebleicht, sodass praktisch jedes der vielen musikalischen Spannungskürvchen den Hörer aufs Neue mit sich nehmen dürfte. Und so gehört es sich ja für ein gutes Album.