Schon längst nichts Aufregendes, Neues stellt heutzutage die Erkenntnis mehr dar, dass moderne Technologie es nicht nur möglich macht, synthetisch nahezu alle Arten von Klängen jeden Ursprungs zu erzeugen, sondern sie auch ohne jeglichen Aufwand kurzerhand abzuspeichern - und seien sie noch so wenig ausgereift. Marie Slip, der Komponist und Synth-Schmied von Otto Dix hat gute fünf Jahre fleißig abgespeichert und sortiert - und schlussendlich zusammen mit seinen Kollegen alles, was letztendlich nicht den Weg auf eines der Alben des Trios gefunden hat, zu einem Bündel geschnürt, das den pragmatischen Titel 'Unreleased 2007 - 2011' trägt und pralle vier Stunden Elektro-Instrumentaltracks verschiedenster Art umfasst. Denen fehlt mal mehr, mal weniger zum kompletten Stück: Während weitläufige eher unauffällige Abschnitte sich eindeutig als elementar-experimentell einstufen lassen und höchstens als Ambient- oder Einspiel-Klänge zu gebrauchen sind, finden sich regelmäßig auch hochgradig elaborierte, eigenständige Stücke in der Sammlung, die - wenn überhaupt - einzig noch ein wenig Gesang von einer möglichen vollblütigen Veröffentlichung trennt. Dabei handelt es sich dann zumeist auch um diejenigen, die stilistisch am engsten an das uns von Otto Dix Bekannte heranrücken und mit einem eigenen Songtitel versehen sind. Erfreulicher Weise führt uns die synthetische Fundgrube aber auch durch eine ganze Reihe unerwarteter klanglicher Gebilde; ekstatisches Stöhnen (das übrigens nicht nur einmal), unartikuliertes Wimmern und hochaufschlussreiche russische Mann-Frau-Dialoge inklusive ('Was ist das?' - 'Der Wind...' - 'Resurgams'). Gemein ist allen das für die drei Petersburger typische Futuristische. Wer aber hätte schon im Zusammenhang mit Otto Dix beispielsweise an synthetische Saxophon-Motive gedacht? Wohl die wenigsten. Für eben genau solche Überraschungsmomente, die das Nicht-verwertet-Werden nicht verdienen, gibt es Unreleased-Sammlungen als Auffangmedium. Eine zwingende Bindung an Konnexität oder anderweitige innere Stimmigkeiten besteht typischerweise bei derlei Compilations nicht, und so begegnen dem Hörer sowohl träumerisch-dezent dahindriftende Melodien in - wenn auch düsterem - Chillout-Gewand, als auch stürmische, bassbetont wummernde Power-Tracks. Hier ist ohne Zweifel für jeden Querkopf etwas Hörenswertes dabei - und dafür muss man gar nicht mal Otto Dix-Fan sein.