Die vielleicht bedeutendste Progressive-Rock-Band der Welt hat sich wieder fünf Jahre Zeit für ein neues Studioalbum gelassen. Die ersten Appetit-Häppchen von 'Clockwork Angels' bekamen Fans allerdings schon im letzten Jahr auf Tournee serviert - in Form von 'Caravan', 'BU2B' und dem Titelsong. Nun soll der Hunger nach neuem Rush-Material endlich gestillt werden. Mit 'Clockwork Angels' sind Rush wieder einen Schritt nach vorn gegangen, aber im Prinzip auch zwei Schritte zurück. Das Trio hat sich wieder was Neues einfallen lassen: Inhaltlich ist es das erste Konzeptalbum von Rush. Die Story versteht man allerdings nur, wenn man die Begleittexte im Booklet liest (und auch dann nicht unbedingt). Musikalisch hingegen gibt es einige Reminiszenzen - gewollt oder ungewollt - auf die umfangreiche und fast 40 Jahre andauernde Diskografie. Während die drei oben erwähnten Appetithäppchen mit ihren zum Teil sphärischen Gitarrenklängen und den markanten Melodien an die vom New-Wave- und Synthie-Sound beeinflusste 80er-Phase der Kanadier erinnern, klingen bei manchen Songs auch die Rush der 70er leicht an. Haben Geddy Lee, Alex Lifeson und Neil Peart beim Songwriting auf einmal gemerkt, wie lange sie schon dabei sind? Die Texte legen es nahe: 'The hours tick away - they tick away', singt Lee im wunderbaren 'The Garden'. Und stilistisch? So richtig progessiv ist das 19. Studioalbum gar nicht. 15-Minuten-Songs sucht man vergebens, mit markanten Tempowechseln und großen Spielereien halten sich Rush auch zurück. 'Headlong Flight', der längste Song des Albums, ist mit seinen 7:20 Minuten Laufzeit eigentlich ein schnörkelloser Rocksong. Die kurzen Breaks machen keinen Progressive Rock, ansonsten müsste man das Genre noch mal neu definieren. Sei's drum - der melodische Höhepunkt auf 'Clockwork Angels' ist jedenfalls 'The Wreckers', wo sogar Streicher zu hören sind. Schade, dass 'Clockwork Angels' bei aller Reminiszenz an die guten alten Zeiten nicht mit dem guten alten Sound aufwarten kann. Grammy-Gewinner Nick Raskulinecz ist unter anderem bekannt für seine Arbeit mit den Foo Fighters, Trivium oder auch Danko Jones. Vielleicht liegt es daran, dass er bei der Produktion eher auf eine mächtige Soundwand gesetzt hat, als auf den für Rush typischen, dynamischen Hochglanz-Sound, bei dem man jede noch so feine Nuance raushören konnte. Statt dessen schrammelt der Bass ungewöhnlich, die Synthesizer gehen häufig unter, bei 'Carnies' auch Alex Lifesons Gitarrensolo. Für das Phänomen gibt es längst einen englischen Begriff: Loudness War. Der Dynamikumfang wird reduziert, Verzerrung ist die Folge, der Klang wird erwiesenermaßen schlechter. Schade, dass der Loudness War auch bei Rush angekommen ist. Denn die Musik auf 'Clockwork Angels' ist überwiegend gut und wird mit jedem Durchhören besser. So ist das Klangproblem vielleicht Meckern auf hohem Niveau. Andererseits: Wie gut hätte 'Clockwork Angels' bei einer besseren Produktion geklungen?