Was ist eigentlich ein Totem? Diese Frage zu stellen, ist nicht peinlich, sie zu beantworten nicht so einfach, wie man es sich gern machen würde. Totemismus zählte in vielen Fällen zu den wesentlichen Eigenschaften alter Kulturen, unter denen diverse Indianerstämme wohl die heute prominentesten Beispiele darstellen - man denke nur an den sogenannten Totempfahl. Bei einem Totem handelte es sich in der Geschichte immer um irgendein schutzgeistartiges Wesen oder auch bloß eine Naturerscheinung, dem beziehungsweise der sich der Mensch aufgrund seiner Abstammung verpflichtet fühlte, was seine Lebensführung anging. Diese kurze Umreißung des Begriffs wird zwar dem ihn umgebenden Wissenschaftsfeld nicht unbedingt gerecht, dürfte jedoch im Rahmen dieser Rezension erst einmal reichen. Warum das Ganze? Nun, 'Totem' lautet auch der - zugegeben nicht ganz unsymptomatische - Titel des neuen Albums der gnadenlos avantgardistischen Elektro-Künstlerin Ryat. Und 'Totem' wiederum wirft die Frage auf: Wem oder was fühlt sich Ryat verpflichtet? Diese Frage zu stellen, ist nicht peinlich, obwohl nicht gewöhnlich, und sie zu beantworten führt a priori nicht weiter und würde vermutlich ohnehin fehlschlagen. Eindeutig ist: Die elf Abschnitte des Albums lassen schwerlich als Songs begreifen. Es fehlt ihnen an Struktur, sie sind kaum einprägsam, von intendierten Störungen zerfurcht und ersticken ihre melodischen Fragmente genau so schnell wieder, wie sie sie zunächst aufkeimen lassen. Ryat singt irgendetwas; man bekommt es nicht mit. Es dudelt sphärisch, sie dudelt mit und der Kelch der Erkenntnis geht ein ums andere Mal an einem vorüber. Ständig umspült von neuen Reizen kommt der Rezipient weder irgendwann so richtig in Fahrt noch zur Ruhe. Weiche Lounge-Klangkissen werden abgelöst von Schrabbelsynthies. Der Rhythmus wird regelmäßig gedehnt, auseinandergezogen wie Kaugummi von einem ungezogenen Grundschüler, und dann wieder gequetscht wie eine widerspenstige, ambitioniert gekühlte Plastikflasche Ketchup, wenn nicht gar einfach unversehens gegen die Wand gefahren und von etwas abgelöst, das den Titel 'Rhythmus' nicht verdient. Dazu rasselt und klappert es, vermengen sich Tonspuren ganz beliebig miteinander. Molekularküche fürs Ohr. Es tönt ein tiefer Bass. Nicht selten und schlimmstenfalls teilnahmslos wartet man, obwohl doch eigentlich so viel passiert, einfach noch darauf, dass etwas passiert, während Ryat mit computergestützter Onomatopoesie ('Seahorse') und heiserem Singsang ('Invisibly Ours') um sich schlägt in ihrer Besessenheit nach Abwechslung, dabei aber, so scheint es, den Hörer nicht erreicht, gleich als säße der hinter einer dicken, panzerverglasten Barriere. Oder sie selbst. Pizzicato hier, Tremolo da, Piano dort, Orchestral-Chaos als ultima ratio - hilft alles nichts - oder zu viel. Auch nach zahlreichen Durchläufen wird man mit dem verblüffend rücksichtslos konzipierten 'Totem' nicht so richtig warm, dafür aber immer ratloser. Unangenehm ist dieses Album nicht, doch an irgendetwas fehlt es ihm unglücklicher Weise. Vielleicht ist es zu viel Kunst, zu abstrakt, zu avantgarde-überfrachtet und zu wenig Musik im eigentlichen Sinn. Vielleicht ist aber auch einfach mit unserer Abstammung etwas faul. Man weiß es nicht.