Neuschnee. Nicht nur der Name des österreichischen Indie-Projekts erscheint außergewöhnlich, sondern auch seine Aufstellung. Denn neben Mastermind Hans Wagner, der die Vocals beisteuert sowie Gitarre und Klavier bedient und Schlagzeuger Clemens Wannemacher ist ein klassisches Streich-Quartett fester Bestandteil der Band. Die offensichtliche Exklusivität setzt sich auch über das Papier hinaus fort, und es läge nichts ferner, als den sechs Musikern künstlerischen Opportunismus zu unterstellen. Das mutige zweite Album 'Bipolar' soll nun auch hierzulande für Aufmerksam sorgen und hat ersichtlich gute Chancen, den Musikmarkt ein wenig aufzumischen. Dabei ist die Angst vor jammernd abdriftenden, autozelebrativen Saitenarien aber unbegründet, denn die Streichbrigade kommt zwar reichhaltig, aber doch immer exzellent abgepasst zum Einsatz und raubt den Stücken nicht ihren Indiepop-Charakter, der die Nummern teilweise deutlich ins Rockige hineinzieht - ganz ähnlich wie bei der Berliner Band Klez.E im Übrigen. Dies liegt am herben, leicht heiseren Rock-Organ von Hans Wagner, der seine Stimme mit Mut zum Unverschluckten und der gebotenen Schärfe zum Einsatz bringt und damit einen Gegenpol zu den biegsamen, weichen Streichersätzen seiner Komparsen einrichtet. So erlangt zum Beispiel das rührselige und streich-intensive 'Wolfsmilch' ('Am Ende siegt das Leben / und kommt zu dem der weint') durch sie die ein oder andere atmosphärische Kante, die gut tut und Interesse weckt. In 'Bodenlos' hingegen, das mit seinem weich perlenden Klavier-Einstieg ein wenig an Robbie Williams' 'Deceptacon' (just sayin'!) erinnert, stellt sich zumindest anfangs heraus, dass auch sanft gehauchte Zeilen keine schlechte Idee sind. Und, dass, wenn denn mal nicht die unmittelbare Streicherei herhalten soll, auch das Pizzicato ganz gut stellvertritt. Jene Technik findet ebenso stimmig, aber dabei noch eine Spur süßlicher, Verwendung bei 'Du Bist Schön', einem mit seinen Um-die-Ecke-Realo-Komplimenten nicht ganz so konventionellen Liebeslied: Es beginnt mit dem hochgelobten schiefen Zahn (!) der Angebeteten und steigert sich schließlich zu geistreicher Symbolik à la 'Dein kleiner Mund / küsst meine Ecken rund / Hab dich vermisst / weil du nicht symmetrisch bist'. Überwiegend sind die Texte erfreulich clever gemacht, einfallsreich und teils auch skurril gestaltet, sodass sie sich genau so wenig wie die durchdacht-sinngestaltenden instrumentalen Arrangements im Brei des Durchschnitts-Songwriting verlieren könnten. Musterbeispiel: 'Vielleicht geht es nicht voran / weil man sich selbst nicht kitzeln kann'. Diese These kommt aus dem Stück 'High', dessen Titel man in Anbetracht des Inhalts fast für bare Münze nehmen mag. Entsprechendes Lob gilt auch einem thematisch das Gesellschaftliche berührenden Stück wie 'Karneval' als einem verkappten Protestsong contra die Finanzpolitik. Bei der zur Schau gestellten, offensichtlichen Freude am sprachlichen Ausdruck ist es nicht wenig verwunderlich, dass Hans Wagner, Drummer und Quartett sich mit Parkwächter Harlekin für einen Song, namentlich 'Sag Mir Nicht', einen Rapper mit ins Boot geholt haben. Allerdings ist in dem Zusammenhang einzugestehen, dass man sich nicht immer ganz sicher sein kann, worum es Neuschnee gerade geht - da bleibt die hektische, unkoordinierte Erzählung unter gleichermaßen gehetzter Instrumentierung, wie sie dem Hörer in 'Hyperaktiv' entgegen springt, kein Einzelfall. Aber das ist okay so, und manchmal zum Genießen des ausgefallenen Wortlauts auch besser. 'Nur der Mond', ein bedrückenderer, vor Wehmut triefender Klagegesang an die verlorengegangene Romantik, übertölpelt den Rezipienten schließlich mit einem eingeschobenen, gesprochenen Monolog, der stilistisch und in seiner Intonation so frappierend an die berühmte Irrsinns-Passage aus Falcos 'Jeanny' erinnert, dass es einem auch ohne die sich aufdrängende Parallele der gemeinsamen österreichischen Herkunft in den Sinn gekommen wäre. 'Bipolar' ist ein Album, welches den höchsten Abwechslungsbedürfnissen entspricht und wie geschaffen scheint zum Polarisieren, und das nicht notwendigerweise nur an zwei Enden. Neuschnee reizen die kombinatorischen wie technischen Möglichkeiten des Streichquartetts selbstbewusst aus, ohne überzustrapazieren, und schaffen ein Tablett gefüllt mit akustischen Unberechenbarkeiten. Mit praktisch jedem Song stimuliert die Band eine andere akustische Reflexzone des Hörers. Die Festlegung oder Gewöhnung fördert das nicht, geschweige denn, dass es Gemütlichkeit einkehren lassen würde. Doch dafür kriegt diese keck-kokette und kabaretthaft-kluge Platte jeden - in aller-aller-mindestens einem der dreizehn Versuche. Und das ist es doch wert, oder?