Es war im März 1976, als eines der großartigsten Hardrock-Alben aller Zeiten auf die Menschheit losgelassen wurde. "Destroyer" zeigte nach dem Durchbruch mit "Alive!", dass Kiss auch im Studio eine furiose Show abziehen können, und das nicht zuletzt dank Produzent Bob Erzin, der "Destroyer" zu einem grandiosen Spektakel machte, bei dem ein Film im Kopf abläuft. Nun soll der Klassiker noch ein bisschen besser klingen, deshalb wurde er für die Neuauflage "Detroyer (Resurrected)" von eben jenem Bob Ezrin neu abgemischt und - so will es der Titel - wiederbelebt. Wesentliches hat sich aber zunächst nicht geändert. Das Album beginnt mit dem Abendessen am Küchentisch, dem Nachrichtensprecher (Gene Simmons) und schließlich dem Truck, der nach "Detroit Rock City" unterwegs ist. Das ist die erste von vielen unsterblichen Hardrock-Hymnen auf "Destroyer", und sie endet nach wie vor mit einem akustischen Autounfall. Später meldet sich der Donnergott: Ursprünglich eine rasante Nummer von Paul Stanley (das Demo ist im Kiss-Box-Set zu hören), wurde "God Of Thunder" als schleppender Donnerhall von "Demon" Gene Simmons zum Klassiker. Die kindlichen Zwischenrufe sind ein atmosphärischer Geniestreich von Ezrin. "Shout It Out Loud", "Do You Love Me?" und Peter Criss' unvergessliche Ballade "Beth" sind weitere Meilensteine im Kiss-Katalog. Aber da gibt es ja noch diverse Songs, bei denen die Frage erlaubt sein muss, warum sie praktisch nie im Live-Set von Kiss aufgetaucht sind - etwa die unfassbar gute Ode an die Jugend "Flaming Youth". Höhepunkt ist das Drehorgel-Solo! Oder "Great Expectations", eine süffisante bis ironische Botschaft an die weiblichen Mitglieder der "Kiss Army" ("You see what my mouth can do, and you wish you were the one I was doing it to.") Unvergessen ist auch "King Of The Night Time World". Der selbstherrliche Partykracher hatte zumindest kurze Zeit seinen Platz in der Kiss-Setlist. Das rasant marschierende Schlagzeugspiel von Peter Criss treibt den Refrain auf die Spitze. Und dann ist da noch "Sweet Pain". In der zumindest für damalige Verhältnisse ziemlich provokanten Nummer thematisiert Gene Simmons die Vorlieben seiner Gespielin, die auf die "etwas andere Liebe" steht (oder stehen soll), nämlich mit Lederklamotten und Peitschen. Und damit ist sie bei Gene natürlich richtig. "Sweet Pain" ist das einzige echte Novum auf "Destroyer (Resurrected)", denn das Gitarrensolo ist ein anderes und klingt sogar noch besser. Oder liegt das nur daran, dass es ungewohnt ist? Die bekannte (Original-)Version von "Sweet Pain" ist der Bonustrack des Albums. Und es ist tatsächlich auch der einzige. Hinzugefügt wurden ansonsten nur Kleinigkeiten, z.B. ein "Get up" und ein "Get down" bei "Detroit Rock City". Dass die Geräusche des Autounfalls zum Teil neu aufgenommen wurden, ist nur eine Randnotiz. Es verwundert schon ein wenig, dass das vierte und beste Kiss-Album aller Zeiten ausgerechnet zum krummen 36jährigen Jubiläum erscheint. Hat man das verschlafen? (Beim Nachfolger von "Welcome To My Nightmare" ist Bob Ezrin und Alice Cooper dasselbe passiert, er kam 36 Jahre nach dem Original.) Ursprünglich gab es auch mal Gerüchte über eine Deluxe-Edition von "Destroyer", jetzt also diese merkwürdige Neuauflage. Es müsste doch eigentlich noch diverse Demos im Archiv geben. Doch außer einem Remix/Remastering und der anderen Version von "Sweet Pain" bietet "Destroyer (Resurrected)" nichts wesentlich Neues. Zugegeben, das Original-Artwork von Ken Kelly, das damals lustigerweise als zu gewalttätig empfunden wurde, ist nicht übel. Die CD im Design der guten alten Schallplatte mit Casablanca-Label ist auch schick. Und besonders das Booklet mit den seltenen Fotos und den informativen und unterhaltsamen Liner-Notes von Produzent Ezrin ist gelungen. Aber als Kiss-Fan hatte man sich doch noch ein wenig mehr erhofft. (Naja, immerhin wird auch eine Vinyl-Ausgabe veröffentlicht.) Ein Glück also, dass die neue Abmischung gelungen ist und - zumindest gefühlt - etwas wuchtiger ist. Den viel kritisierten "Loudness War" macht "Destroyer (Resurrected)" glücklicherweise auch nicht mit. Es ist ein bisschen lauter als das Original, die Dynamik wurde aber erhalten. Die Wiederbelebung ist also geglückt. Klingt das kommende Kiss-Album "Monster" nur halb so gut, wird es ein Kracher. Daher verdient "Destroyer (Resurrected)" paradoxerweise die Bestbewertung, obwohl es aus Fan- und Sammlerperspektive eine Enttäuschung darstellt.