Während Jakob sich am Abend zurückgezogen hat, um über die Fehler seines Lebens nachzudenken, greift ihn ein Fremder an. Die beiden ringen bis zum nächsten Morgen, ohne dass sich ein Sieger abzeichnet. Der Fremde greift deswegen zu einer Unsportlichkeit, indem er Jakobs Hüfte ausrenkt und damit den Kampf gewinnt. Statt seinen Gegner weiterziehen zu lassen, klammert Jakob sich allerdings an ihm fest und bittet um seinen Segen. Denn mittlerweile hat er erkannt, dass er mit Gott gerungen hat. Gott erklärt ihn daraufhin zum Sieger im Kampf, segnet ihn und gibt ihm den neuen Namen 'Israel', unter dem dieser später den gleichnamigen Stamm gründet. Das ist die biblische Geschichte, die sich hinter dem Coverbild des neuen Albums 'Afterlives' von The Unwinding Hours verbirgt - und sie hat einiges mit deren Bandgeschiche gemeinsam. Einst spielten Frontmann Craig B und Ian Cook gemeinsam bei Aereogramme und legten dann eine Pause zur Neubesesinnung ein, aus der vor zwei Jahren die Band mit dem neuen Namen 'The Unwinding Hours' hervorging. Da passt also auch der Albumtitel, der ja das Leben nach dem Tod - also in gewissem Sinne die neue Band nach dem Ende der alten - bezeichnet. Der biblische Jakob, der sich zuvor oft hinterhältig verhielt, wurde durch den Kampf mit Gott zum besseren Menschen. Da geht die Analogie nun flöten, denn Aereogramme waren auch vor dem Neubeginn eine hervorragende Band - und The Unwinding Hours haben dann zu Beginn mit ihrem ersten, selbstbetitelten Album auf diesem hohen Niveau weitergemacht. Doch so viel lässt sich auf jeden Fall sagen: 'Afterlives' ist das schönste Album, das Craig B und Ian Cook jemals gemeinsam aufgenommen haben. 'Afterlives' ist so wunderschön, dass man stellenweise einfach nur umfallen kann. Mal wird man von der flächigen Schönheit aus Wänden von Gitarren, Klavier, Schlagzeug, Chören und (vermehrt jetzt auch) Synthesizern umgeblasen (z.B. 'Break'), mal besteht das Stück nur aus einem leisen Hauch (z.B. 'Day By Day') und man hat Angst, sich zu laut zu bewegen, sodass man ungünstig hampelt und dann auf den Boden plumpst. Und über allem schwebt immer Craig Bs sanfte, hohe Stimme, die den ergreifenden Charakter von 'Afterlives' perfekt macht. Ergreifend waren auch alle Aereogramme-Alben und der Erstling von The Unwinding Hours - aber durch sie ist dabei immer auch eine düstere, bedrückende Ader geflossen. Auch 'Afterlives' ist zwar geprägt von der Melancholie, die eben dazu gehört, wenn Craig B und Ian Cook gemeinsam Musik machen - aber diese Melancholie wird nicht mehr bedrohlich, sondern geht in erlösenden Melodien auf. 'Afterlives' vermittelt eine beruhigende, geborgene Stimmung. Es wird schon immer seinen Sinn haben, wenn ein Fremder daherkommt und Dir die Hüfte ausrenkt.