Wollen uns die drei gestandenen und lebenserfahrenen Herren von Keine Zähne im Maul aber La Paloma pfeifen erzählen, es komme noch etwas nach der sexuellen Blüte, Entfaltung und dem unvermeidlichen Erliegen? Bedeutet das Hoffnung oder Anlass zur Depression? Oder doch eher subtile Kritik am Kategorisierungszwang und inflationären Umsichschmeißen mit dem Präfix? In der Musik zumindest ist mittlerweise nur schwer zu erfassen, was mit 'Post' bezeichnet wird. 'Post' ab wann? Ist 'Post' nicht immer auch 'Prä' - nach dem Genre ist vor dem Genre? Sich so selbst jeglicher Definitionslegitimation beraubt, besteht die Autorin trotzdem darauf: Keine Zähne im Maul aber La Paloma pfeifen klingen zweifelsohne postig. Und nach den 1980ern. Aber auch das ist ja wieder topaktuell. Jedenfalls bewegt sich die Kieler Band mit ihrem neuen Album in der interessanten und womöglich kreativsten Nische des deutschen (Indie-)Punks. Die nämlich, die keine Regeln kennt. (Dass Punk grundsätzlich regellos sei, ist eine lange, lange widerlegte Mär.) Da, wo man sich in Komposition und Arrangements und in Texten sowieso viel Freiraum nimmt. So beherrschen die Songs von Keine Zähne im Maul aber La Paloma pfeifen nervöse Synthesizer, markante Basslinien und ruppige Rhythmen. Damit positionieren sich sich irgendwo zwischen Kraftwerk und Die Goldenen Zitronen; Trend lugen hervor, auch die Boxhamsters. Der freimütige Einsatz von Elektronika beweist einen weiten Horizont. Wo der, nicht nur künstlerisch, herkommt, erklärt die Band gleich selbst: 'Die Meise unter meinem Pony wird zum Albatros.' Keine Zähne im Maul aber La Paloma pfeifen sind eine echte Bereicherung der deutschen Musiklandschaft. Nur der Bandname muss als unhandhabbar, wenn nicht miβraten gelten. Ach ja, und was 'postsexuell' nun bedeutet? 'Wenn mich die Frauen locken, lauf ich nach Haus und sortier die Socken.' Wollen wir mal hoffen, dass sich das als zwischenmenschliches Ideal nicht durchsetzt.