Die Gründung eines eigenen Labels lässt wegen der mit ihr einhergehenden Freiheiten berechtigter Weise auch den Exzess der eigenen Kreativität vermuten. De/Vision veröffentlichen zwar seit ihrem letzten Album 'Popgefahr' über das eigene, gleichnamige Label, aber aufwändig renoviert haben sich Steffen Keth und Thomas Adam seither nicht. Wozu auch, wenn sich ihr charakteristischer Songwriting-Ansatz bisher immer bewährt hatte. Die neue Auflage De/Vision heißt 'Rockets & Swords', ist brand-(pop)gefährlich und durchschießt das gewohnte wie bewährte Raster ebensowenig wie ihr Vorgänger. Der einzig feststellbare 'Exzess' liegt in den Spielzeiten der Stücke, von denen mit einer Ausnahme jedes einzelne mindestens die fünf Minuten vollmacht. 'Raster' scheint also gar nicht mal so ein schlecht gewählter Bildsprache-Begriff zu sein. Interessant ist auch die qualitative Zweistufigkeit. Das gern thematisierte Binärsystem scheint auch hier ungewollt Fuß zu fassen, denn es gibt innerhalb von 'Rockets & Swords' keine anstieghafte Güte-Hierarchie, sondern nur die 0 und die 1. Natürlich nicht im Sinne von 'Müll' und 'überragend', sondern eher von 'zündet' oder 'zündet nicht'. Aber gerade das ist ja eine ultra-subjektive Geschichte. Gleichwohl: Wenn es nicht zündet, liegt es üblicherweise daran, dass melodisch eine im Ganzen zu verhaltene oder zu schleppende Entwicklung stattfindet. In solchen Fällen entwickelt sich die samtweiche, letztinstanzlich klangmodellierende Steffen Keths von einem Segen zu einem Fluch: Die Ecken gehen verloren, wenn auch am Synthesizer kein Hering vom Röster gezogen wird, und der Track, wäre er ein Hemd, versinkt so weißgewaschen und plattgebügelt im Wäschekorb, dass man am liebsten schon nach Fusseln suchen würde, weil man es sonst nicht wahrhaben will. 'Boy Toy' ist ein schwächlicher Opener, und das darauf folgende 'Superhuman' klingt passagenweise wie der Themesong einer noch nicht ausgestrahlten Helden-Zeichentrickserie für Kinder. 'Rockets & Swords' wäre so ein eher durchschnittliches Album, wenn es nicht spektakulär gerettet würde durch ein Grüppchen von Stücken, das angeführt wird von 'Beauty Of Decay' und 'Want To Believe', denn hier stimmt wirklich alles. Ersteres kombiniert kantige und weiche, nervöse hochfrequente und tiefe, träge pulsierende Synthie-Layers mit pathetischem, hohen Gesang. So wirkt dieser Track wie eine multidimensionale Naturgewalt, die zeigen möchte, dass es selbst um den mächtigsten Wasserfall herum nicht bloß massiv dröhnt, sondern auch plätschert und ganz filigran sprinkelt. Zweiteres ist bei all seiner Elektronik so zart und berührend, wie selten ein Synthpop-Stück ausfällt. 'I want to believe in you / I want to be as close as I can be / I want to hang on to you / And that's just the hardest thing / for me to do', schmachtet sein Refrain, und 'natürlich' sind, um den Eindruck zu komplettieren, auch Violine und Cello mit dabei. Der unkompliziert gehaltene, gefühlvoll gesungene Text kommt in seiner Direktheit ganz groß raus. Der leidliche, oft gezogene Depeche Mode-Vergleich ist auch dieses Mal nicht ohne Weiteres zu verschweigen. Besonders offenkundig ist dies vor dem Hintergrund der Klänge von 'Bipolar'. Unbestreitbar besteht da eine hohe atmosphärische Vergleichbarkeit. 'Brotherhood Of Man' - ebenfalls stark - erweist sich als der atmosphärisch relaxteste Song der Platte, was sowohl auf den entspannten, aber groovingen Rhythmus als auch die weibliche Begleitung im Gesang zurückzuführen ist. 'Mystified' und 'Running All Night' fällt es als 'Nachhut' des gewaltigen Albumkerns undankbarer wie vorhersehbarer Weise etwas schwer, 'Rockets & Swords' einen krönenden Abschluss in die letzten Spielminuten zu drapieren. Das ist nicht weiter schlimm, denn es tut der einmal gestreuten Faszination bei nicht nachlassender kompositorischer Klasse keinen Abbruch. Man könnte sagen: 'Das haben die ja schon immer irgendwie so gemacht!'. Man könnte aber auch präziser feststellen: De/Vision befinden sich, so scheint es, in einer Art Flow, der es ihnen ermöglicht, Klassiker zu schreiben, die auf ihren Status kaum warten müssen - mit leichtem Verschnitt, wenn man streng sein möchte.