"Barcelooooooona! Barcelooooooona!" Das Intro sorgt auch rund 25 Jahre später noch für Gänsehaut. "Ich mache jetzt Oper. Vergesst Rock and Roll", hatte Freddie Mercury damals mit einem schelmischen Grinsen gesagt. Gemeinsam mit Produzent Mike Moran schrieb er die Titelmusik für die Olympischen Spiele 1992, die er selbst nicht mehr erleben sollte. Acht Monate vor den Spielen starb Freddie Mercury. Durch die Zusammenarbeit mit der spanischen Opernsängerin Montserrat Caballé erfüllte er sich aber noch einen Lebenstraum und war gleichzeitig Pionier auf diesem Gebiet. Das Album, das ursprünglich im Oktober 1988 veröffentlicht wurde, erfährt jetzt eine Neuauflage, die akustisch ein bedeutender Schritt nach vorn ist. Das orchestral anmutende Originalalbum wurde fast vollständig mit Keyboards und Drumcomputern aufgenommen. Es heißt, Freddie hätte das schon seinerzeit gern mit einem kompletten Symphonieorchester eingespielt, wenn er sich dazu in der Lage gefühlt hätte. Ein knappes Vierteljahrhundert später hat sich Co-Writer und Produzent Mike Moran der Sache angenommen. Auf der neuen Special Edition spielt das 80-köpfige FILMharmonic Orchestra aus Prag die Arrangements und macht "Barcelona" so zu dem Album, dass es mutmaßlich schon damals hätte sein sollen. Und tatsächlich: Die Magie ist noch mal eine ganz andere! Schon die unglaubliche Eröffnungshymne erstrahlt dank des Orchesters in einem neuen Glanz - geradezu filmisch klingt dieses wunderbare Duett. Der Rezensent ist kein Experte für Opern und Klassik, aber die erlebte Gänsehaut spricht für sich. Beeindruckend ist auch die Vielfalt innerhalb dieses im Prinzip vollkommen Rock-fremden Genres, in das sich Freddie damals erfolgreich wagte. Er singt sogar japanisch! "La Japonaise" entführt mit Koto-Klängen ins Land der aufgehenden Sonne. Dafür flog jetzt eigens Koto-Spielerin Naoko Kikuchi ein. An solchen Details merkt man, wie viel Herzblut in dieses Projekt gesteckt wurde. Stuart Morley, musikalischer Direktor des Queen-Musicals "We Will Rock You" zeichnet für die orchestrale Adaption verantwortlich. Und es gibt weitere Queen-Verbindungen. John Deacon spielt Bass bei "How Can I Go On", Rufus Taylor, Sohn von Queen-Drummer Roger, hat sich um die Percussion gekümmert. Auch bei "The Golden Boy" hat er den Drum-Computer ersetzt, an der Stelle, wo das Opernstück auf einmal zur Gospelnummer wird. Wie genial! Wenn das Album mit der "Overture Piccante" zuende geht, hat man im Kopf ein wahrhaft filmisches Hörerlebnis hinter sich. Im Anschluss gibt es einen Bonustrack. Bei dieser Version von "How Can I Go On" hat David Garrett, der Popstar unter den Violinisten, einen Gastaufritt mit einem Solo. Soweit die normale Neuauflage. Parallel dazu erscheint die Special Edition auch in einem Deluxe-4-Disc-Set. Die zweite CD enthält Raritäten und Outtakes von den Aufnahmesessions. Darunter ist zum Beispiel eine frühe Version von "Exercises In Free Love", auf der Montserrat Caballé nur vom Klavier begleitet wird. Vor und nach dem Song ist noch ein wenig Studio-Geplauder zwischen der Opernsängerin, Mike Moran und dem Aufnahmetechniker zu hören. Da gibt es frühe Demos von "Barcelona" und "La Japonaise" - interessant zu vergleichen. "Rachmaninov's Revenge" ist eine Demo-Version von "The Fallen Priest" mit teils alternativem Text. In der Mitte wird improvisiert. Bei Montserrats Aufnahmen zu "Ensueno" sind Gespräche mit Freddie zu hören. In der Mitte der Nummer kratzt auf einmal ihre Stimme. Mit dem Ende ist sie auch nicht zufrieden. Sympathisch! Die Olympischen Spiele 1992 hat Freddie Mercury leider nicht mehr erlebt. Live-Auftritte von "Barcelona" gibt es dennoch. Auf der DVD ist ein Auftritt beim sogenannten "Ibiza '92" Festival zu sehen, das bereits 1987 stattfand. Schön zu sehen, aber schade, dass es sich um Playback handelt, bei dem der Applaus eingeblendet wurde. Das ist bei "La Nit" in Barcelona auch der Fall, was schon dadurch deutlich wird, dass beide kein Mikrophon benutzen. Das festliche Musikvideo ist das visuelle Highlight. 300 Queen-Fans schwenken im Halbdunkel ihre Feuerzeuge, während Mike Moran das Orchester mit einem leuchtenden Taktstock dirigiert, der einem Lichtschwert von Luke Skywalker ähnelt. Eine Version des Videos mit dem neuen musikalischen Arrangement gibt es natürlich auch. Und dann ist da noch die mit sechs Minuten kurze, aber unterhaltsame Mini-Dokumentation. Hier ist auch noch mal die Originalszene von Freddie: "I'm doing opera now, forget rock'n'roll." Es geht zunächst um Freddies Begeisterung für Monstserrat Caballé, deren Fan er schon 1981 wurde. Bei den ersten Begegnungen mit der Operndiva soll der Queen-Frontmann extrem schüchtern und nervös gewesen sein. Später werden das neue Arrangement und die Beweggründe erläutert. Auch Montserrat, mittlerweile 79 Jahre alt, kommt zu Wort und wirkt fast etwas melancholisch. Und melancholisch wird man auch als Zuschauer, schließlich sind es die letzten Auftritte von Freddie. Die letzte Queen-Tour lag da längst hinter ihm. Wie sich die neue Fassung von "Barcelona" ohne die beiden Protagonisten anhört, zeigt die vierte CD, eine rein orchestrale Version des Albums. Es ist der unwichtigste der vier Silberlinge. Die Original-Album-Fassung von 1988 wäre hingegen aus Komplettheits- und Vergleichsgründen eine sinnvolle Ergänzung gewesen. Dessen ungeachtet liegt mit der 4-Disc-Deluxe-Version der Special Edition ein atemberaubendes Set vor, das auch nach knapp 25 Jahren noch wohlige Schauer beim Hörer verursacht. Damals war es "nie dagewesen", bis heute ist es unerreicht. Und das Orchester macht "Barcelona" endgültig zum epischen Hörvergnügen. Hoffentlich kann Freddie von oben mal reinhören. Es würde ihm sicher gefallen.