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Anna Calvi -  One Breath     Artist:  Anna Calvi
    Album:  One Breath
    Label:  Domino Records
    Release:  04.10.2013
   Medium:  Album
    Genre:  Indie-Pop ausdrucken 
    Autor:  Valentin empfehlen/teilen 
 

Einen Atemzug - länger muss es nicht dauern, bis große Veränderungen vonstatten gehen. Ein Atemzug - und während des nächsten kommen einem tonnenschwere Wahrheiten über die Lippen, deren Aussprache auf ewig irreversibel ist. Öffnet sich ein Mensch, schließen sich unter Umständen viele Türen. Andere wiederum öffnen sich. 'One Breath', das neue Album von Anna Calvi, beschäftigt sich mit jener Art von Scheitelpunkten, die wohl einen jeden menschlichen Lebenserfahrungsschatz zieren.

Die entsprechende musikalische Sinngestaltung gelingt der britischen Halbitalienerin mit Bravour. Schon der Opener 'Suddenly' macht seinem Namen alle Ehre und stellt unschuldigen, mädchenhaften Singsang Seit an Seit mit scheinbar unkoordinierten Orchestralausbrüchen. Viele weitere Brüder und Schwestern im Geiste sollen folgen, bis das Album mit dem behutsam-choraligen 'The Bridge' seine abschließende Ruhephase erreicht. In 'Piece By Piece' trifft sanft gehauchter Schilfwind-Pop auf lautes, knarzendes Industrial-Getöne und unkontrolliert aufbrandendes Pizzicato. Auch 'Cry' wird mittendrin knatschig, 'Carry Me Over' stellt mit betont dissonanten Streichern seine Eigenwilligkeit unter Beweis. Derweil verwandelt das Stück das Xylophon mit Hilfe von Monotonie in ein ungemein bedrohliches Gerät.

Der exzentrisch anmutende, variforme Gesang Anna Calvis wird in weiten Teilen leicht verhangen wiedergegeben, was der puristischen Produktion zusätzlich einen Hauch von Mystik und Verschlossenheit verleiht. Im instrumental deutlich reduzierten Titel-Song sowie auch beim phasenweise gedroschenen 'Love Of My Life' versucht die Künstlerin sich dagegen ungeniert im Lechzen und Stöhnen - vielleicht, um so etwas wie Sex-Appeal zu transportieren. Entwarnung: Es klingt in Wirklichkeit nicht ganz so unanständig, wie es sich an dieser Stelle lesen mag.

Zu viel Schönheit tut weh, auf zu glattem Grunde rutscht man leicht aus. Mit sämtlichen Titeln auf 'One Breath' entflieht Anna Calvi deshalb im Stechschritt der Eingängigkeit und tilgt damit prophylaktisch jegliches Radio-Potential. Wer eine warme Einladung zum Verweilen sucht, wird hier nicht fündig werden. Jedem ihrer elf neuen Anti-Lieder weist sie seine ganz eigene kratzige Ecke zu; wo andere im Pop mit geschliffenem Skalpell operieren, greift Calvi ganz bewusst zur rostigen Schneide. Immer früh genug, um einem einen Stich zu versetzen, erstickt sie allzu angenehme Melodieführungen in abrupten, ebenenübergreifenden Wechseln, sodass 'One Breath' sich am Ende als genau so unfertig erweist wie der frühe Höreindruck. Kaum eine Stelle, an der nicht irgendetwas latent unbequem klingt. Es liegt alles andere als fern, ein so naturbelassenes und untaktisches Album als fad und wenig ansprechend zu empfinden - aber dann doch bitte erst nach mehrmaligem Anhören.


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